Rentenfonds werden verkauft, Anleihen sind kaum abzusetzen – der Zins allein genügt nicht mehr

Das ist schon eine verrückte Welt geworden: So recht weiß niemand mehr, welche Mechanismen denn heute innerhalb des Währungssystems der westlichen Welt wirksam sind. Erst galt es als selbstverständlich, daß der Dollar fällt, wenn das Gold steigt. Dann mußten wir uns im Herbst 1973 daran gewöhnen, daß Gold und Dollar immer in schönster Eintracht stiegen oder fielen. Nun haben wir wieder einmal eine Goldhausse bei gleichzeitiger Dollarbaisse erlebt.

Aber es kommt noch besser. In der vergangenen Woche wurden die Devisenmärkte durch Gerüchte in Unruhe versetzt, die D-Mark werde wieder einmal aufgewertet. Früher hat es in solchen Situationen regelmäßig einen Run auf die Mark ebenso wie auf DM-Auslandsanleihen (festverzinsliche Wertpapiere, die nicht der Couponsteuer unterliegen) gegeben. Diesmal war es anders: die Mark erlebte zwar einen Höhenflug, die Auslandsanleihen dagegen rutschten weiter in den Keller. Und dies, obwohl die Rendite dieser Wertpapiere mit 10 bis 11 Prozent Rekordniveau erreicht hat.

In Zürich, dem Hauptumschlagplatz für DM-Auslandsanleihen, wissen die Bankiers zu berichten, daß zahlreiche mittlere und kleinere Anleger Anleihen „gleich zu welchem Kurs“ verkaufen und direkt in Gold umsteigen. In der Bundesrepublik herrscht am Markt der festverzinslichen Wertpapiere schon seit Wochen Trauerstimmung. Neue Anleihen können kaum noch verkauft werden, und die in den letzten Jahren von den Sparern bevorzugten Rentenfonds-Zertifikate werden zu Tausenden den Banken zurückgegeben.

Die Bundesbank bemüht sich, durch Stützungskäufe die Kurse der öffentlichen Anleihen nicht noch weiter absacken zu lassen – obwohl sie eigentlich stabilitätspolitisch an extrem hohen Zinssätzen interessiert sein müßte. Aber schließlich muß die Bundespost dringend eine neue Anleihe auflegen – insgesamt werden Bund, Länder und Gemeinden 1974 fast 20 Milliarden Mark pumpen müssen. Nur: die Sparer zögern, ihr Geld längerfristig herzugeben – Zinsen allein sind ihnen offensichtlich nicht mehr genug.

Sogar in der gewiß konservativen Schweiz wird darüber diskutiert, ob angesichts von Inflationsraten um zehn Prozent die traditionellen Formen des Sparens noch Zukunft haben. Große Beachtung hat ein Beitrag der „Neuen Zürcher Zeitung“ gefunden, in dem für einen Inflationszuschlag auf Hypotheken plädiert wird. Durch eine „Dynamisierung“ der Hypothekenschuld soll ein Teil der Wertsteigerungen bei den Sachwertbesitzern an ihre Gläubiger weitergeleitet werden. In der Bundesrepublik hat schon vor längerer Zeit Professor Herbert Giersch die Einführung von Indexklauseln auch für die Verzinsung von Sparguthaben vorgeschlagen.

Gewiß, dies sind alles Krücken. Aber es ist immer noch besser, sich zeitweise an Krücken fortzubewegen, als umzufallen. Und es kann keinen Zweifel daran geben, daß das System der Marktwirtschaft bei weiter sich beschleunigender Inflation aus dem Gleichgewicht zu geraten droht.

Irgendwann könnten sich auch die Sparer zum Streik entschließen. Niemand kann sagen, ob dies schon bei einer Inflationsrate von 10 Prozent der Fall sein wirdoder erst bei noch schnellerer Geldentwertung. Lange aber kann es wohl kaum gutgehen, wenn die Sparer wie 1973 rund fünf Milliarden Mark durch die Inflation mehr einbüßen, als sie durch Zinsen (die oft auch noch versteuert werden müssen) verdienen. Die her Stolze