Über der Hannover-Messe, der Welt größter Industrieschau, zogen sich dunkle Wolken zusammen. Ein von Alfred Kubel, Aufsichtsratsvorsitzender der Messe-AG, niedersächsischer Ministerpräsident und SPD-Spitzenkandidat für die im Juni anstehenden Landtagswahlen, in Auftrag gegebenes Sondergutachten hat es an den Tag gebracht: Bis 1977 droht der Gesellschaft, die als einziges deutsches Messeunternehmen bisher finanziell auf eigenen Beinen stand und ihren Großaktionären (Stadt Hannover und Land Niederschasen) sogar noch jährlich eine Dividende zahlte, ein Verlust von knapp 130 Millionen Mark. Die öffentliche Hand, so befand Kubel, müsse helfen, wenn die Wettbewerbsfähigkeit Hannovers nicht nachhaltigen Schaden nehmen soll.

Damit würde sich auch Hannover in die Phalanx derjenigen Messestädte einreihen, die von jeher ihren Messeehrgeiz nur mit beträchtlichen Steuergeldern befriedigen können. Der teure Wettlauf um die Industrie würde weitergehen, die Überkapazitäten bei den Ausstellungsflächen würden weiter wachsen. Schon die diesjährige Hannover-Messe wird sich wesentlich kleiner präsentieren als in den früheren Jahren, denn der Drang großer Branchen zu einer selbständigen Fachmesse und die Abwertung durch attraktivere Messeplätze hinterläßt deutliche Spuren.

Die hannoverschen Messeplaner stecken in einer Zwickmühle. Durch die Abwanderung fließen die Standmieten spärlicher und führen zu Jahresabschlüssen, die mit roter Tinte geschrieben werden. Auf der anderen Seite muß viel investiert werden, um die manchmal geradezu unersättlichen Wünsche der Aussteller zu befriedigen. Die Büroindustrie beispielsweise – ein geradezu lebensnotwendiger Bestandteil der Hannover-Messe – droht mit dem Auszug, wenn ihr nicht eine zweite Riesenhalle zur Verfügung gestellt wird, deren Bau über 60 Millionen Mark kostet. In der Schublade liegt ein vorläufig genehmigtes Investitionsprogramm von über 170 Millionen Mark, das auf die endgültige Einsegnung durch den Aufsichtsrat an diesem Freitag wartet. Angesichts der jüngsten Verlustprognosen dürfte mit erheblichen Abstrichen zu rechnen sein.

Zwei Vorstandsmitglieder sind inzwischen über die Klinge gesprungen. Kubel (SPD) wirft ihnen vor, ihn über die finanziellen Auswirkungen dieser Investitionspläne nicht hinreichend informiert zu haben. Im Vorstand wiederum ist man ganz anderer Ansicht. Wie dem auch sei: Der Eklat ist da. Die fristlose Beurlaubung von Hans Georg Fuchs (SPD) und Frank Wien (FDP) fiel ausgerechnet in die Zeit der Interfachmesse, mit der die Messe-AG bei dem Versuch, eine selbständige Konsumgüterausstellung in Hannover zu etablieren, einen Premierenreinfall erlitt. Diese Branchen sind bereits, zu stark an den Messeplatz Frankfurt gebunden oder setzen auf die internationale Baseler Messe. Außer den Porzellan- und Keramikherstellern hatten die Aussteller an der Interfach daher keine rechte Freude.

Überdies kommt der Messestreit Kubel gegenwärtig alles andere als gelegen. In Niedersachsen stehen Landtagswahlen vor der Tür, und nach den schlechten Ergebnissen in Hamburg, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein kann die SPD gerade jetzt keinen neuen Ärger gebrauchen. Natürlich nutzte die Opposition in Niedersachsen die Gunst der Stunde und wirft Kubel eine falsche Messepolitik vor.

Inzwischen haben sich die Wogen allerdings geglättet. In dem Bemühen, schnellstens zerschlagenes Porzellan wieder zu kitten, sucht Kubel nach einer gütlichen Einigung mit den beiden gefeuerten Vorstandsmitgliedern – mit einigem Erfolg. Daß sich diese Eile zum finanziellen Vorteil der Betroffenen ausgewirkt hat, darf man wohl annehmen. Aber auch die CDU ist ruhiger geworden, denn aus Kreisen der ausstellenden Industrie kam nicht zu Unrecht der Vorwurf, daß man mit der Messe als Wahlkampfthema Hannover nicht wiedergutzumachenden Schaden zufügen könnte. Und noch sehen große Teile der deutschen Industrie in Hannover ihr bedeutendstes Exportschaufenster. Hansjürgen Wehrmann