Beim innerdeutschen „Sportfest“ in Frankfurt/Main fehlte zur vollen Glückseligkeit nur noch der Weihnachtsbaum. Nach zwei quälenden Verhandlungen vor und vier nach dem Verkehrs- und Grundvertrag der beiden deutschen Staaten sieht für die Sportfunktionäre in Frankfurt und Ostberlin die deutsche Sportwelt wieder ganz anders aus – in Ordnung ist sie allerdings noch nicht.

Die Bewertung des Kommuniqués und des Protokolls über die „Regelung der Sportbeziehungen zwischen dem Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) und dem Deutschen Sportbund (DSB)“ ging von Euphorie bis zur mittleren Zurückhaltung. Riesenfortschritte (Pressechef Karl Bellmer), Durchbruch und ein gutes Werk auf dem wir bauen können (DSB-Präsident Dr. Wilhelm Kregel), voller Erfolg (DSB-Delegationsmitglied Horst Korber), normales, sachliches, nachbarschaftliches Verhältnis (DTSB-Präsident Manfred Ewald). Jetzt geht es erst richtig los (DSB-Generalsekretär Karlheinz Gieseler). Das „Überraschungsdessert“ vom gemeinsamen Abendessen, das zwischen glaciertem Kalbsrücken und 69er Dalsheimer Sauloch zusammengestellt war, lieferte DTSB-Präsident Manfred Ewald bereits zur Sitzungsouvertüre: Zugeständnis einer den DSB vollbefriedigenden Einbeziehung der Sportorganisationen von Berlin (West) in eine Vereinbarung der beiden deutschen Sportbünde. Seinen Rückzug von inzwischen unhaltbar gewordenen Berlin-Positionen schaffte der Politprofi Ewald geschickt und spurenlos. „Die positiven Vereinbarungen muß man in der Gesamtbeurteilung der letzten Wochen und Monate sehen“, meinte der Ostberliner Sportführer. Ein friedliches Zitat des SED-Chefs Honecker komplettierte die DTSB-Offensive, die in der Terminplanung fast an liebgewordenen Gewohnheiten der DSB-Präsidenten-Familie Kregel gescheitert war.

Als DTSB-Sportchef Ewald von Ostberlin aus die Gattin von Dr. Kregel an der Strippe hatte und um einen telephonischen Termin mit dem DSB-Präsidenten am nächsten Vormittag nachsuchte, sah die Präsidenten-Frau den Familieneinkaufstag gefährdet. Die Antwort: „Morgen vormittag gehen wir zum Einkaufen.“ Überhaupt waren die delegationsinternen Voraussetzungen auf der Seite des Deutschen Sportbundes alles andere als günstig. Während NOK-Präsident Willi Daume offensichtlich im Grollton „verhindert“ war, kritisierte DSB-Generalsekretär Karlheinz Gieseler offen seinen Präsidenten Kregel und meinte: „Ich hätte es für richtig gehalten, die Gespräche erst im Rahmen der Kommission wieder aufzunehmen.“ Auf die Kommissionsebene werden die Vorbereitungen jetzt verlagert, damit am 8. Mai in der DDR das paraphierte Protokoll unterzeichnet und ein Sportveranstaltungsplan für das zweite Halbjahr 1974 verabschiedet werden kann.

In welcher Größenordnung? DTSB-Präsident Manfred Ewald: „Mit den Schweden haben wir 49 Begegnungen vereinbart, mit dem DSB können wir noch darüber hinausgehen.“ Auch diese Perspektive schien für ständige Beobachter innerdeutscher Sportszenerie wie im Wandel zwischen Tag und Nacht. Noch vor Monatsfrist wäre es undenkbar gewesen, daß Ostberlin in einer Sportvereinbarung diese Berlin-Klausel akzeptiert: „Beide Seiten werden ihre sportlichen Beziehungen entsprechend den Bestimmungen und Gepflogenheiten des Internationalen Olympischen Komitees und der Internationalen Sportförderationen und, was Berlin (West) betrifft, auch in Übereinstimmung mit den Bestimmungen des Vier-Mächte-Abkommens vom 3. 9. 1971 regeln.“

Der Optimismus, der von der Bonner Parlamentsopposition bis zum Berliner Senat herrscht, ist verständlich. Wenn es nun um konkrete Sportbegegnungen geht, so wird viel Stehvermögen benötigt. Wie meinte DTSB-Präsident Ewald richtig: „Wir werden viel zu tun haben.“

Ernst Dieter Schmickler