Von Dieter E. Zimmer

Wahrscheinlich ist unsere Zeit nicht mehr imstande, Lebenswerke auszuhalten – schon das Wort klingt ja leicht ridikül. Der Künstler, der seine Identität nicht alle zehn Jahre ändert, der– und sei es auch in immer perfekterer und sublimerer Weise – fortfährt, das gleiche Stilrepertoire, die gleichen Obsessionen, die gleichen Einsichten auszubeuten, die einige Saisons lang der letzte Schrei waren, trifft auf eine wachsende Enttäuschung, die schließlich in Verachtung übergeht. Er bleibt nur er selbst; aber was vorher seine Stärke ausmachte, eben die kräftige Identität, die Anpassungsunwilligkeit, die Einseitigkeit, erscheint nun alles als Schwäche; das Publikum ist gierig auf Neues und saugt bereits die nächste Generation aus.

Federico Fellini bleibt er selber, und es ist die Zeit abzusehen (vielleicht wenn er bald zweimal „achteinhalb“ Filme gemacht hat), wo selbst seine treueste Gefolgschaft stöhnt: nicht noch einmal diese massigen Weiber, nicht noch einmal diese Kostümfeste quer durch die Geschichte, nicht noch einmal die Bedrückungen einer katholischen Kindheit, lieber einen schlechten Film, aber einen anderen!

Fellini versteht sich selber weniger als Autor denn als Maler. Einen Film machen heißt für ihn nicht, in sichtbaren Handlungen zu denken, sondern bewegte Bilder zu erfinden: Regie als die Kunst eines schwelgerischen Arrangements. Kein anderer Filmregisseur heute baut seine Bilder mit einer ähnlich phantasievollen Insistenz zusammen, beherrscht sie wie Fellini bis zum letzten Komparsengesicht, bis zur letzten Kostümfalte, bis zur letzten Lichtnuance. Es hat ihn zu einem Schrecken der Produzenten gemacht; da er den Zufälligkeiten der wirklichen Welt nicht traut, da er die Einmischung der Wirklichkeit in seine kalkulierten malerischen Effekte nicht wünscht, dreht er fast nur auf Studiogelände, läßt er sich seine pittoresken Dekors nicht suchen, sondern bauen. Selbst die beklemmende Autobahnepisode in „Roma“: Cinecittà. Es würde nicht wundern, von ihm zu hören: auch dieser Wald, auch jenes Meer seien der Natur nur nachgebaut. Das aber gibt seinen letzten Filmen ihren hochartifiziellen Charakter. Auch in ihren realistischen Szenen kann jene Illusion nicht mehr aufkommen, die der Film in der Regel gerade sucht: die Illusion, man blickte durch die Leinwand in einen Ausschnitt wie auch immer bizarrer Wirklichkeit. Bei Fellini sieht alles gespielt, gestellt, bis ins letzte arrangiert aus.

Was visuelle Exuberanz angeht, hat er in den Traumszenen von „Julia und die Geister“ und dann in „Satyricon“, auch noch in einigen Episoden von „Roma“ sein Äußerstes gegeben. Viele Filme in den letzten Jahren haben mich mehr interessiert, ärmere Filme, die einen jedoch viel unmittelbarer betrafen; wenn ich mich an Bilder zu erinnern suche, dann fällt mir jedoch vor allem Kubricks „2001“, Visconti und immer wieder Fellini ein.

An dem Standard jener Filme gemessen, ist sein neuer, „Amarcord“, eine Rückkehr in die Provinz nicht nur in thematischer Hinsicht.

Handlung gibt es so gut wie gar nicht mehr. Es gibt Bilder aus Fellinis Jugend, ein Jahr im Leben einer italienischen Kleinstadt bei Rimini Anfang der dreißiger Jahre. „Amarcord“ heißt: ich erinnere mich. Fellini erinnert sich – das ist die Handlung des Films. Es war einmal...