Führende FDP-Politiker haben ihre Treue zur Bonner Koalition bekräftigt, ohne dabei mit Ermahnungen an die Adresse der Sozialdemokraten zu sparen. Zweifel an der Bündnisbereitschaft hatten Äußerungen des nordrhein-westfälischen FDP-Landesvorsitzenden Riemer aufkommen lassen. Seine Formulierung, daß es ausschließlich von der weiteren Entwicklung der SPD abhänge, in welchem Maße die CDU als Koalitionspartner der Liberalen in Frage komme, war in den eigenen Reihen gerügt und zum Anlaß – wenngleich kritischer – Loyalitätsbekundungen genommen worden.

So erklärte der stellvertretende FDP-Vorsitzende, Bundesinnenminister Genscher, auf dem FDP-Landesparteitag in Niedersachsen, die FDP halte am Bonner Regierungsbündnis fest. Koalitionen seien kein liberales Dogma, aber die FDP entscheide sich, und zwar vor der Wahl. „Und dann bleiben wir auch dabei.“

Zugleich warnte Genscher die Sozialdemokraten davor, extreme Pläne linksgerichteter Kräfte in die Arbeit der Regierung einfließen zu lassen, und nannte als Beispiele die Verstaatlichung von Banken und Versicherungen sowie eine staatliche Lenkung der Investitionen. Hier werde die FDP nicht mitmachen. Genscher mahnte Brandt zum „entschlossenen Regieren ohne Hin und Her und Wenn und Aber“.

In Niedersachsen hat die FDP ihre Absicht bestätigt, nach der Landtagswahl am 9. Juni mit der SPD zu koalieren, sofern sie wieder in den Landtag einziehen und die absolute Mehrheit der SPD gebrochen werde. „Es wird Zeit, daß wir in Niedersachsen wieder eine liberale Politik machen können“, sagte Genscher.

In einem Rundfunkinterview erklärte der FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Mischnick, seine Partei werde „treu zu dieser Koalition bis 1976 stehen“. Für die nachfolgende Legislaturperiode könne heute noch keine Entscheidung erwartet werden. Voraussetzung sei in jedem Fall, daß das Godesberger Programm aus dem Jahre 1959 Grundlage sozialdemokratischer Entscheidungen bleibe.