Vorsicht vor Kalbfleisch“, so überschrieben wir vor einem Jahr einen Bericht, der sich mit antibiotischen Mitteln befaßte, die bei der Mast von Schlachtvieh oft in unvertretbar großen Mengen verwendet werden. Aber nicht nur Kalbfleisch, sondern auch Fleisch von Rindern und Schweinen enthält mitunter nennenswerte Rückstände von Antibiotika und Hormonpräparaten, die für den Menschen gefährlich sein können.

Dieser Gefährdung des Verbrauchers will Bonn jetzt mit einer neuen Verordnung zum Fleischbeschaugesetz entgegentreten. Der Konsument „soll wieder einen sauberen Braten bekommen“, erklärte Hauptgeschäftsführer Theo Westhoven vom Deutschen Fleischerverband in Frankfurt.

Wurde bislang nur jedes kranke oder geschwächte Tier bakteriologisch etwa auf Salmonellen und Fleischvergiftung untersucht, so sieht die neue Verordnung auch regelmäßige Fleischprüfungen bei gesunden Tieren vor: Vom 1. April dieses Jahres an muß jedes einhundertste Tier im Schlachthof auf Rückstände von Medikamenten untersucht werden. Ermittelt der „Hemmtest“ auch nur eine Spur von pharmazeutischen Substanzen im Fleisch, so kommt das Stück gar nicht erst in den Metzgerladen, sondern höchstens in Futtertröge.

Mit den verschärften Fleischkontrollen soll Vertretern des „grauen Arzneimittelmarktes“ – geschätzter Umsatz etwa 50 Millionen Mark –, aber auch „Übeltätern“ (Hamburger Innung für das Schlachterhandwerk) unter den Züchtern das Handwerk verleidet werden. Denn noch immer allzu viele von ihnen verwenden medizinische Präparate im Stall nicht in erster Linie gegen Krankheiten wie Kälberruhr oder Ferkelgrippe, sondern für eine ebenso effektvolle wie gefährliche Intensivmast der Tiere.

Trotz aller Warnungen vor derartigen Praktiken scheint sich nicht allzuviel gebessert zu haben: Der jährliche Schaden ist groß. Fachleute, wie der Veterinär Dr. Hans Bethge vom Münchner Schlachthof, schätzen, daß von den Schlachttieren des vergangenen Jahres in unserem Land etwa 250 000 Schweine (1 Prozent), 70 000 Rinder (2 Prozent) und 170 000 Kälber (25 Prozent) noch gesundheitsbedenkliche Arzneimittelrückstände im Fleisch enthielten.

Ob mit der neuen Verordnung der arglose Umgang mit Hormon- und Antibiotikapräparaten in den Viehställen unterbunden werden kann, erscheint fraglich. Denn zu groß sind die Löcher im Netz der Kontrollen, wenn lediglich jedes einhundertste Schlachttier auf Rückstände im Fleisch geprüft wird, „zu gering ist das Risiko der Schuldigen – einer kleinen Gruppe verantwortungsloser Erzeuger“ (Westhoven).

Daß die Fleischuntersuchung auf pharmazeutische Stoffe nicht schon beim Züchter und Bauern vorgenommen wird, erbost die Fleischer. Werden nämlich im Schlachthof in dem Tier, das der Metzger – wie jetzt schon überwiegend üblich – direkt beim Erzeuger kaufte, Rückstände gefunden, so hat er in aller Regel viel Ärger mit dem Züchter. Denn eine gesetzliche Handhabe gegen diesen gewissenlosen Erzeuger fehlt gegenwärtig noch – bis zur Reform des Arzneimittelrechts, die Besitz und Handel von Medikamenten strenger fassen wird.