Diesmal traf der Bannstrahl der amerikanischen Verbraucherschützer einen Klebstoff: Die Consumer Product Safety Commission (CSPI), eine amerikanische Regierungsbehörde, die für die Sicherheit von Konsumgütern verantwortlich ist, ließ vorerst zehn Cyanacrylat-Kleber aus dem Handel nehmen. „Dieser Kleber ist höchst wirksam“, begründet Richard O. Simpson, Leiter der Kommission, die Entscheidung, „das Problem ist nur: Er ist womöglich zu gut.“

Die amerikanische Verbraucherbehörde bemängelt, dieser monomere Ein-Komponenten-Klebstoff, der ursprünglich als Gewebekleber für die Chirurgie entwickelt wurde, sei geeignet, Reizungen im Bindegewebe des Auges zu verursachen, und derart wirksam, daß er Finger und andere Hautpartien zusammenkleben könne; nur mit chirurgischer Hilfe ließen sie sich danach wieder voneinander trennen. In einem Hearing mit Industrievertretern und Verbrauchern will die Product Safety Commission die Vorwürfe überprüfen und neue Anhaltspunkte sammeln.

Cyanacrylat-Kleber, die meist aus Estern der Cyanacrylsäure aufgebaut sind, können wegen ihrer „hervorragenden Wirksamkeit mit herkömmlichen Klebstoffen nicht verglichen werden“, erklärt Professor Walter Heiss von der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg, der sich seit 1958 mit der Anwendung dieser Substanz im medizinischen Bereich beschäftigt.

Es handelt sich bei diesen Klebern um dünnflüssige, wasserklare chemische Verbindungen vom Vinyl-Typ, die bei Zimmertemperatur in Sekundenschnelle fest werden – wobei die Luftfeuchtigkeit als Katalysator dient. Die Härtung erfolgt oft schon nach zwei bis sechs Sekunden. Bei Raumtemperatur (20 Grad) erreicht der Cyanacrylat-Klebstoff je nach dem zu verklebenden Material eine mittlere Zugscherfestigkeit (Zugbelastbarkeit), die über 2 kp/mm2 (Kilopond pro Quadratmillimeter) liegen kann. „Damit könnte man laut Industriewerbung an einer zehn Zentimeter großen Klebfläche einen Volkswagen in die Höhe ziehen“, erläutert Dr. Heiss.

Die enorme Klebleistung der Cyanacrylat-Kleber nutzen Mediziner schon seit langem. Mit Hilfe des Präparates Histocryl (ein Butyl-Cyanacrylat der Firma Braun Melsungen) verkleben Chirurgen nahtlos Unfall- und Operationswunden. Sie schließen bei der plastischen Korrektur Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten, fixieren Spalthaut-Transplantate und erreichen Blutstillungen an Milz, Leber und Gehirn.

Fast alle Hersteller in der Bundesrepublik, darunter auch Henkel (Sicomet), liefern ihre Cyanacrylat-Produkte wegen der möglichen Gefährdungen für den unachtsamen Benutzer an die Industrie. Automobil-, Uhren- und Schmuckwarenhersteller sind dankbare Abnehmer des Superklebstoffs. Die Arbeiter in diesen Fabriken und Betrieben sind über die Eigenschaften des Ein-Komponenten-Klebers genau informiert und lassen im Umgang damit besondere Vorsicht walten.

Zwar versichert der Düsseldorfer Fachverband der Leim- und Klebstoff-Industrie, daß nur industrielle Anwender mit dem Kleber beliefert werden. Doch kann ihn auch der Kleinverbraucher im Laden kaufen: Unter der Bezeichnung „Cyanolit“ bietet ihn die Frankfurter Firma Bostik (Oberursel) für Do-it-yourself-Bastler feil: „Ein Tropfen, ein Druck sofort verklebt.“