Fünf Beamte zechten am frühen Morgen auf Behördenkosten im Polizeipräsidium. Einer, dem der Frühtrunk nicht bekam, schied vorzeitig aus. Einem anderen entnahm Professor Reh vom Gerichtsmedizinischen Institut der Universität in Düsseldorf nach 17 Steinhägern die Blutprobe. Der Blutalkoholgehalt: 1,37 Promille. Dann pustete der Beamte durch einen schwarzen Schlauch in einen kleinen grauen Metallkoffer. Nach knapp zwei Minuten schlug der Zeiger der Meßskala aus: 1,27 Promille. „Bei der Demonstration war das Gerät im Durchschnitt um 0,2 Promille zu tief eingepegelt“, entschuldigt Sigurd Kienapfel, Polizeidirektor in Düsseldorf und Leiter des Sachgebietes III A (Verkehr).

Der kleine graue Kasten – Gewicht etwa 10 Kilogramm – mit 12-Volt-Anschluß für den Einsatz in Fahrzeugen ist ein „Automatischer Atemalkoholanalyser“, hergestellt von einer Firma in der Schweiz. In verschiedenen Kantonen gelten die von ihm ermittelten Ergebnisse bereits als von den Gerichten zugelassene Beweismittel. Die Polizei in Düsseldorf testet ihn jetzt in einem Großversuch für den Einsatz in Nordrhein-Westfalen.

Die Polizei steht überall vor dem gleichen Dilemma. Seit dem Inkrafttreten des sogenannten „0,8-Promille-Gesetzes“ am 26. Juli 1973 ist es überaus schwierig, den Grad der Trunkenheit schnell und zuverlässig festzustellen. Die Alkohol teströhrchen – Alptraum aller Kraftfahrer – zeigen durch Verfärbung nur ungefähr an, welche Mengen getrunken wurden. Exakte Werte liefern sie nicht. Färbt sich das Röhrchen über Gebühr grün, muß der Sünder zur Entnahme einer Blutprobe zum Arzt. Bis das Ergebnis vorliegt, ist er den Führerschein los. In Düsseldorf, zum Beispiel, lagen 25 Prozent aller Kraftfahrer, denen eine Blutprobe entnommen wurde, unter der kritischen 0,8-Promille-Grenze. „So um 0,6 bis 0,7 Promille“, sagt Polizeidirektor Sigurd Kienapfel, „und da wurde uns klar, daß wir den Grenzbereich exakter erfassen müssen.“ Die Kosten für diese unnötig vorgenommenen Blutproben belasteten den Polizeietat jährlich mit etwa 6000 Mark.

Der Polizeidirektor schlug seinem Innenminister die Erprobung des Schweizer Geräts vor, das den Alkoholgehalt in der Atemluft durch einen chemischen Vorgang ermittelt. Seit Februar sind in Düsseldorf zwei dieser Geräte – Stückpreis rund 5000 Mark – im Einsatz. In der Bedienungsanweisung verbürgt sich der Hersteller: „Die Analyse erfolgt mit einer Präzision von plus/minus fünf Prozent.“ Polizeidirektor Kienapfel will diese Angabe noch überprüfen, aber: „Es scheint so zu sein, daß sie stimmt.“

Das Gerät liefert erstaunlich exakte Angaben. Bisher stellten sich neunzehn Verkehrsteilnehmer, die von der Polizei unter Alkoholverdacht erwischt worden waren, freiwillig zur Probe: Bei einem ergab der Atemtest 2,05 Promille, die konventionelle Blutprobe 2,00. Bei einem anderen zeigten Atemtest und Blutprobe gleichermaßen 0,8 Promille an. Ein dritter brachte es auf 1,85 Promille bei der konventionellen Blutprobe und auf 1,95 beim Atemtest. Die Abweichungen schwanken zwischen 0,02 und 0,17 Promille.

Die Vorzüge des Alkoholanalysers liegen auf der Hand. „Früher“, sagt Sigurd Kienapfel, „mußte der Verkehrsteilnehmer mindestens I 1/2 Tage, in ländlichen Gebieten oft sogar bis zu einer Woche auf das Ergebnis der Blutprobe und damit auf seinen Führerschein warten. Jetzt muß er nur noch neun Minuten lang zittern. Das neue Gerät gibt uns Werte, wie sie die Blutprobe liefert.“ Das Angebot auf einen Atemtest wird derzeit allen mutmaßlichen Alkoholsündern in Düsseldorf gemacht. Wer unter dem zulässigen Grenzwert liegt, kann gleich weiter nach Hause fahren. Nur über 0,8 Promille ist noch eine Blutprobe fällig.

Die „Zitterzeit“ von neun Minuten ist hoch gegriffen. So lange dauert es nur, wenn das Gerät frisch in Betrieb genommen wird: Zunächst setzt der Beamte eine Ampulle mit hochprozentiger Schwefelsäure ein, die den Alkoholanalyser reinigt. Eine Lampe leuchtet auf. Nun muß der Proband neun Sekunden lang in einen schwarzen Schlauch – das Mundstück kann ausgewechselt werden – pusten. Lautes Tuten zeigt an, daß genügend Atemluft für die Analyse zur Verfügung steht. „Jetzt muß man das Gerät in Ruhe lassen“, betont der Polizeidirektor. Nach drei Minuten drückt er auf einen Knopf. Der Zeiger der Meßskala schnellt auf 1,2 Promille hoch.

Bis Mitte April möchte Sigurd Kienapfel für den vom Innenministerium angeforderten Bericht mindestens 500 Testergebnisse zur Auswertung vorliegen haben. Er sucht Antwort auf folgende Fragen: „Ist das Gerät zuverlässig?“ und „Bewährt es sich im Polizeieinsatz?“ Dabei fürchtet er nur, daß der Polizei in der vorgenommenen Zeit nicht genügend angetrunkene Kraftfahrer in die Hände fallen, denn: „Beim jetzigen Stand unserer Aufklärungsmaßnahmen könnte es sein, daß wir bis zum 15. April nicht genügend Probanden bekommen.“ Rolf Düdder