Von Horst Rautenhaus

Ende 1971 verkündete die Zigarettenfirma Marlboro stolz, sie werde ab 1972 in das Grand-Prix-Geschäft einsteigen und das englische BRM-Team jährlich mit einer runden Million unterstützen. Zwei Jahre lang ging diese Ehe gut. In dieser Zeit wurden nicht weniger als 27 Grand-Prix-Rennen ausgetragen (12 im Jahre 1972, 15 in der vergangenen Saison). Doch nur ein einziges Mal überquerte ein Marlboro-BRM als Siegerwagen eines Grand Prix die Ziellinie; 1972 gewann der Franzose Jean-Pierre Beltoise mit einem der rot-weißen Wagen den Großen Preis von Monaco – ein Erfolg, der allein auf das Konto des Piloten ging. Die Verantwortlichen bei Marlboro hatten sich jedoch ihr Engagement im Grand-Prix-Sport etwas anders vorgestellt: Hauptsächlich dachte man an Siege, nicht an Leistungen, die weit unter dem Durchschnitt lagen.

So kam es, wie es kommen mußte. Nach dem enttäuschenden Abschneiden der BRM-Fahrzeuge im letzten Jahr zog der Zigarettenkonzern endgültig die Konsequenzen. An Erfolg, so meinte man, sei bei BRM auch in der Zukunft nicht zu denken. Man suchte und fand ein erfolgversprechendes Team in der McLaren-Mannschaft, die in den letzten beiden Jahren von der englischen Kosmetikfirma Yardley gesponsort worden war. Zusammen mit Texaco fließen die Marlboro-Geldspritzen nun nach Colnbrook, wo das „Kiwi“-Team beheimatet ist. Der Erfolg dieses Zusammenschlusses ist durchschlagend. Drei Rennen gab es bislang in dieser Saison, dreimal überquerte ein Texaco-Marlboro-McLaren als Sieger die Ziellinie.

Vor den ersten Läufen zur diesjährigen Formel-1-Fahrer-Weltmeisterschaft stellten sich für den Beobachter zwei Fragen. Zum einen: wer wird die Nachfolge des im letzten Jahr zurückgetretenen dreifachen Weltmeisters Jackie Stewart antreten? Zum anderen: Wie schlagen sich die „new boys“, in die von vielen Seiten große Hoffnungen gesetzt werden?

Favoriten gab es vor dem Auftakt in Argentinen genug: Ronnie Peterson und Jacky Ickx mit ihren Lotus gehören zum engeren Kreis der aussichtsreichsten Weltmeisterschafts-Aspiranten genauso wie die McLaren-Piloten Emerson Fittipaldi und Denny Hulme, Peter Revson auf Shadow, Carlos Reutemann auf Brabham und die beiden Ferrari-Fahrer Clay Regazzoni und Niki Lauda.

Nun, als man sich zum ersten Schlagabtausch in Buenos Aires traf, war es der Argentinier Carlos Reutemann, der mit seinem brandneuen Brabham BT 44 eindeutig die führende Rolle spielte. Nachdem er kurz nach dem Start an die Spitze des Feldes gegangen war, baute er seinen Vorsprung auf die Verfolger nach Belieben aus, nur um zwei Runden vor Schluß des Rennens mit Benzinmangel den sicheren Sieg dem Neuseeländer Denny Hulme und dessen McLaren zu überlassen. Das zweite Rennen um den Grand Prix von Brasilien endete dann mit dem eindrucksvollen Triumph von Ex-Weltmeister Emerson Fittipaldi, der nach dem Ausfall des Schweden Ronnie Peterson keinen Gegner mehr zu fürchten hatte und am Ende des wegen Regen vorzeitig abgebrochenen Rennens einen beruhigenden Vorsprang vor dem Ferrari des Schweizers Regazzoni hatte.

So hat es nach den ersten Kraftproben den Anschein, als ob McLaren das Team sei, das es zu schlagen gilt. Nachdem die Engländer schon in der letzten Saison (trotz wesentlich geringerer Sponsorgelder als sie zum Beispiel Lotus und Tyrell erhielten) durch drei Grand-Prix-Siege auf sich aufmerksam machten, scheint ihnen nun der ganz große Durchbruch gelungen zu sein. Zwar tritt man nach wie vor mit nur leicht veränderten Wagen vom Vorjahrstyp M23 an, doch bietet diese ausgereifte Konstruktion von Gordon Coppuck den Vorteil, nicht mehr unter Kinderkrankheiten, zu leiden. Fahrerisch hat sich bei McLaren ein Wandel vollzogen. Nachdem Emerson Fittipaldi, 1972 noch Weltmeister auf einem Lotus, zum Ende der letzten Saison wegen der Rivalitäten in der Lotus-Mannschaft, das Team aus Hethel verlassen hatte, schloß er sich für die nächsten beiden Jahre den „Kiwis“ an. Seinen Platz räumen mußte dafür der Amerikaner Peter Revson, der in der letzten Saison zweimal siegte und nun in Südafrika tödlich verunglückte. Der dritte McLaren-Werkswagen wird weiter unter dem Yardley-Banner eingesetzt; als Piloten verpflichtete man den Engländer Mike Hailwood, der 1973 für Surtees fuhr und – durch unzureichendes Wagenmaterial gehandikapt – nicht einen einzigen WM-Punkt erfahren konnte.