Von Wolf Donner

Die Idee ist ausbaufähig: Speziaireisen auf den Spuren Trotzkijs in Mexiko wären denkbar, auf den Spuren Napoleons in Korsika, St. Helena und Elba (wo sich der Tourismus längst dieses klingenden Namens bedient), Dr. Schiwago folgend durch Rußland. Immerhin: Fünfzehn Millionen haben Henri Charrieres Bagno- und Fluchterinnerungen „Papillon“ inzwischen gelesen, und mehr als fünfzehn Millionen haben wohl inzwischen den Film gesehen. Interessenten an seinen Spuren dürfte es also mehr als genug geben, und an Gesprächs-, Streit-, Forschungs- und Photothemen dürfte kein Mangel sein: Wie recht „Papi“ hatte, wie gut er beschrieben und wie frech er gelogen hat, welche Fluchtdetails ganz unmöglich sind und wie das mit den Geldstöpseln eigentlich funktionierte, ob Steve McQueen nicht auch viel zu dick aufgetragen und Hollywood das Indianerdorf nicht zu einem Club Mediterranee verkitscht hat...

Die Vermarktung aktueller Ereignisse zum Wohl des Tourismus reizt natürlich besonders, wenn sie sich einer so populären Figur bedient und wenn auch noch „sportlicher Reisegeist“ und „physische Fitness“ mitzubringen sind. Man muß zugeben, daß der „expeditionsähnliche Ausflug“ auf den Spuren Papillons, den das seriöse, traditionsreiche Schweizer Reisebüro Kuoni anbietet, eine seltene Alternative zu jeder Form von üblichem Luxus-, Erholungs- und Massentourismus darstellt.

„Es ist grauenhaft in Guayana“, stöhnt Charriere, „jedes Jahr krepieren achtzig Prozent.“ Französisch-Guayana, das ist der herbe Reiz eines Landes ohne jeden ersichtlichen Reiz, ohne touristische Attraktionen: eine feuchte, schwüle, brütende grüne Hölle. Keine Tropen- oder Karibik-Faszination stellt sich hier ein, keine lieblichen Landschaften und freundlichen Menschen laden zum Verweilen. Nur wenige Flußufer- und Küstenpartien sind besiedelt und dem Fremden überhaupt zugängig. Eine morastige, sehr gefährliche Schwemmlandküste frißt sich langsam in den Atlantik vor; aber selbst an den wenigen malerischen, wilden Sandstränden baden die Einwohner nicht aus Angst vor Haifischen und aus Ekel vor dem schlammig-gelben Wasser.

Fast das ganze Land ist vom Dschungel bedeckt, tropischem Regenwald wie im Amazonasbecken: ein ungesundes, dunstig-sumpfiges Gelände, das sich gegen jeden Zugriff abkapselt und dessen exotische Unnahbarkeit etwas ungemein Anziehendes hat. Von den „jungfräulichen grünen Wäldern“ sprach auch Papillon. Etwas, für Pioniere: Nach wenigen Metern sackt man im Schlamm ein, von oben regnet es Blutegel, von unten kriecht Getier ins Hosenbein; außerdem gibt es Schlangen, Krokodile, Moskitos, Riesenameisen.

„Das Land ohne Wiederkehr“ wurde Guayana genannt, auf indianisch bezeichnet der Name ein Tabu, „ein Land, das nicht genannt werden darf“; Europäer sagten gern und meinten das keineswegs als Schmeichelei: „das Land, wo der Pfeffer wächst“ (der wird heute übrigens nur noch für den Eigenbedarf angebaut). Die Versetzung eines Beamten von Frankreich nach Cayenne, in die Hauptstadt des Landes, gilt noch heute als Strafe. Gelbfieber, Malaria, Lepra, Ruhr und Tuberkulose rafften seit dem 18. Jahrhundert immer wieder die Siedler hin, oft schon nach wenigen Wochen. Heute sind diese Krankheiten gebannt, nur gegen Pocken und Malaria muß man sich prophylaktisch schützen.

Die Kuoni-Tour, ethnologisch und kulturhistorisch ausgezeichnet geleitet, beginnt in Cayenne, wo die Hälfte der gesamten Bevölkerung lebt, 25 000 Einwohner. Ein trostloses, verschlafenes Kaff, im langweiligen Quadratschema angelegt; ein Ort am Ende der Welt, abweisend wie das übrige Land und eben, dadurch anziehend. Läßt man sich auf Cayenne ein, gefällt einem vielleicht seine originelle Geschmacklosigkeit aus pompösem Kolonialstil, Bretterbuden und schäbiger provinzieller Protzerei mit großen Plätzen und Denkmalen; Schmugglerboote im Hafen, bunte lärmende Obst- und Fischmärkte, dekadent-grazile Jugendliche vor Kinos und in Straßencafés, wo man eine seltsame Mischung vor sich promenieren sieht: Indianer, Neger, Kreolen, französische Beamte, Kaufleute, Besucher aus Frankreich und Amerikaner, die immer wieder und bisher immer vergeblich versuchten, politisch, ökonomisch und vor allem touristisch mit diesem verrückten Land ins reine und ins Geschäft zu kommen.