Schwarzes Gold für die Weiße Revolution des Schahs

Von Theo Sommer

Auf den Bergen des Elburs-Massivs liegt noch Schnee. "Sie hätten Ihre Skier mitbringen sollen", sagt Reza Pahlavi, Schah-an-schah von Iran, genannt Aryamehr, Licht der Arier, zu Beginn eines anderthalbstündigen Gesprächs im Niawaran-Palast hoch über Teheran. Die Unterhaltung kreist vor allem um ein Thema: Öl.

In den Niederungen ist der Schnee schon weggeschmolzen. Auf den Straßen im Lehmdorf Meschkinabad, sechzig Kilometer nördlich der Hauptstadt, steht knöchelhoch noch das Schmelzwasser. Die dritte Klasse der Dorfschule – insgesamt 220 Schüler, nur zwanzig Kinder gehen nicht zum Unterricht – hat gerade Persischstunde. Der Bauernjunge Mostafa liest aus der Fibel vor. Wie der Zufall so spielt: Es geht auch hier um Öl. Vor Jahrtausenden schon ist es auf den Feuer-Altären der Zoroaster-Anhänger verbrannt worden, verrät die Fibel; in der Neuzeit braucht man es, um Fabriken, Flugzeuge, Automobile anzutreiben, Öl hat große Bedeutung. Iran ist ein wichtiges Ölland. Von dort wird es auf großen Schiffen nach Europa verfrachtet.

Fräulein Rahimi, die Lehrerin, trägt die Uniform der "Armee des Wissens", einer Art von Friedenskorps, in dem junge Männer Wehrersatzdienst leisten, junge Mädchen sich auf den Lehrberuf vorbereiten können. Beifällig nickt sie Mostafa zu. Sie ist stolz auf die 27 Schülerinnen und Schüler, die da auf schmalen Holzbänken vor ihr sitzen. Das winzige Klassenzimmer ist spartanisch einfach ausgestattet. Noch hat das ölwunder hier nicht stattgefunden. Aber Fräulein Rahimi weiß: Es kommt. Und es wird das Schicksal der jungen Generation von Grund auf verändern.

Der Bezirksschulrat Amir Jayali weiß es auch. Sein Amtsbereich ist ein Musterbereich: 74 000 Schüler in 500 Schulen; im ganzen Bezirk kein Dorf ohne Schule, wo noch vor zehn Jahren zwei Drittel keine hatten; Analphabeten heute bei einem Landesdurchschnitt von über 60 Prozent kaum 20 Prozent, in zehn Jahren keine mehr – das sind Ziffern, wie sie Persien braucht, über das nun das Ölwunder hereinbricht. Es sind Ziffern, wie auch der Schah sie will. Von den 32 Millionen Iranern ist die Hälfte heute unter fünfzehn. Die Zukunft des Reiches ruht auf ihnen – und nicht nur nach dem Willen seines Monarchen soll Iran eine große Zukunft haben.

Im Jahre 1353 des iranischen Kalenders herrscht zwischen Kaspischem Meer und Persischem Golf eine Aufbruchstimmung, fast ein Modernisierungstaumel, wie es dies in der neueren Geschichte seit der Öffnung Japans im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in solcher Intensität nicht mehr gegeben hat. Der Antrieb dazu entspringt einerseits dem Drang nationaler Selbstverwirklichung, anderenteils dem Streben nach sozialem Fortschritt. Der Nachholbedarf an nationaler Potenz und Selbstdarstellung ist ungeheuer – kein Wunder nach der langen Epoche wechselnder Fremdherrschaften, die faktisch erst vor zwanzig Jahren zu Ende ging. Auch leuchtet der soziale Impetus einem jeden ein, der die enorme Zurückgebliebenheit des Landes kennt. Das Öl aber, das seit Anfang dieses Jahres viermal mehr einbringt als noch ein Vierteljahr zuvor, macht nun beides möglich: nationale Entfaltung und sozialen Fortschritt.