In Amerika, in England, in Frankreich, schließlich auch in der Bundesrepublik hat die Jugend gezeigt, was eine Harke beziehungsweise ein „Streaking“ ist. Jünglinge – wenn wir sie einmal so sanft nennen dürfen – haben damit angefangen: Rock aus, Hemd aus, Hosen runter, weg mit dem Slip, mit den Schuhen, mit den Strümpfen! Und nun hurtig durch die Stadt, splitternackt und schnell wie ein Streak, wie ein Blitz.

Diesem Beispiel sind dann auch Jungfrauen gefolgt – wenn dieser harte Ausdruck erlaubt ist. Bluse aus, Büstenhalter weg, Hosen runter, Schlüpfer weg und fort mit den Strümpfen und den Schuhen. Und jetzt splitternackt durch die menschengefüllte Stadt. Wie hieß es noch bei Wagner? ‚Ojottojottoho!‘ oder so. Und hier sind wir schon mitten darin, in der Kulturgeschichte des „Streaking“.

Wagners Walküren hatten, so sie so sangen, die Schnelligkeit für sich. Wir dürfen sie also „Streaker“ nennen. Denn daß sie nackt dahinjagen, ist nur eine Frage der Inszenierung, die wir getrost bejahen können. Wesentlich kommt es aber auf das Tempo an. Langsam nackt, das ist das altbeliebte Striptease. Das ist etwas für Heimchen am Herd, etwas für die Dämmerstunde. Ganz anders ist „Streaking“. Nackt und geschwind, so sehen wir den Helden bei Helligkeit.

Schon vor einigen Jahren ist es in einem Gerichtssaal zu Hamburg vorgekommen, daß einige Jungfrauen, damals Studentinnen genannt, ihre Brüste entblößten. Vielleicht geschah es in der Annahme, der Richter würde fuchsdeibelswild werden. Aber es handelte sich um einen jungen Assessor, der etwa so sprach: ,Kinder, laßt das! Ihr erkältet euch bloß! Was soll’s?‘

Auch die Schriftstellerin Renate Rasp – so hab’ ich mir sagen lassen – hat einmal, und zwar auf der beliebten und kulturell hochstehenden Buchmesse in Frankfurt, aus ihren Werken mit freischwebenden nackten Brüsten vorgetragen. Publikumsbeschimpfung oder Ablenkung vom Text? Das könnte wohl nur die Autorin selber klarstellen. Aber etwas – Gutes hat es vermutlich nicht bedeuten sollen. Selbst im Teil-Striptease steckt etwas Passives, Klagendes, Anklagendes, es sei denn, es spielt etwas. Feierliches mit. Mit anderen Worten: Striptease und „Streaking“ verhalten sich zueinander wie Moll zu Dur.

Schon der westfälische Herr von Bomberg, der als der „Tolle Bomberg“ in die Geschichte einging, war gewiß ein „Streaker“, als er am hellichten Tage nackt durch Münster sprengte. Daß er zu Pferde war und, mit dem Pinsel auf die bloße Haut gemalt, die Farben einer Reiteruniform trug, tut seiner Pioniertat keinen Abbruch. Damals gehörte mehr Mut zur Nacktheit als heute.

Und doch ist es neuerdings vorgekommen, daß die Polizei gegen die schnellen langhaarigen Nackten eingesetzt wurde. Man sprach bei dieser Gelegenheit von „Horden“, anstatt von „Gruppen“ zu sprechen. Daran sieht man schon, daß hier etwas an den Haaren herbeigezogen wurde, was man lieber vorüberwehen lassen sollte.