Von Minister Ehmckes Millionenprogramm profitiert vor allem die Industrie

Die öffentlichen Appelle an den deutschen Erfindergeist bleiben nicht ohne Echo. Die Aussicht, die Probleme der aktuellen und der künftigen Energieversorgung schneller zu bewältigen und dafür, außer Marktgewinn, auch noch staatliche Subsidien einstreichen zu dürfen, Ermunterte Industrieunternehmen und private Tüftler, renommierte Forscher und Scharlatane gleichermaßen.

In Horst Ehmkes Bundesministerium für Forschung und Technologie, aus dessen Energieforschungsprogramm in diesem Jahr 150 Millionen zu haben sind, sammeln sich Anträge, von Weltunternehmen wie Siemens und Brown, Boveri & Cie. (BBC), finanziell schwacher Bittgänger wie der Ruhrkohle AG und Denkschriften namenloser Männer aus dem Volk. Einer von ihnen, ein Lehrling, erfand gar noch einmal die Dampfmaschine, von der er sich ein bombensicheres Energieangebot verspricht.

Manche freilich warten noch mit ihren Anträgen – sei es, weil sie noch nicht alle Unterlagen zusammengetragen haben, sei es auch, weil ihnen der Weg über die mittleren und die höheren Ränge der Bonner Ministerialbürokratie zu mühselig ist. Zu den letzteren gehört Nikolaus Laing, Erfinder aus dem schwäbischen Aldingen, dessen gigantisches Projekt einer Energiekaskade der sonst kritische Spiegel kürzlich mit kaum verhohlener Bewunderung vorgestellt hat.

Kein Wort verlor der Spiegel über den immerhin erwähnenswerten Umstand, daß Laings Superidee (Sonnenenergie und Hochtemperatur--Reaktoren sollen Wasser aus Seen tief unter der Sahara auf 650 Grad erhitzen; der entstehende Hochdruckdampf soll Öl, Erdgas und Kohle als Energiequellen weitgehend ablösen) sowohl von Minister Horst Ehmkes Fachleuten als auch vielen renommierten Wissenschaftlern skeptisch beurteilt wird.

So dürften denn die rund 800 Millionen Mark, die Ehmke während der nächsten vier Jahre bereitstellen will und zu denen Nordrhein-Westfalen und das Saarland – für die Gewinnung neuer Energien aus der Kohle – noch einmal fast den gleichen Betrag dazulegen wollen, ausschließlich an bereits bestehende große Unternehmen gehen: Ruhrkohle und Ruhrgas, Siemens und BBC, Lurgi, Varta und andere.

Der Nutzen, den diese Unternehmen dabei aus den öffentlichen Mitteln ziehen können, ist recht unterschiedlich! Er ist relativ gering bei einem Unternehmen wie Siemens, das allein für Forschung und Entwicklung in diesem Jahr etwa 1,2 Milliarden – mithin das Achtfache dessen, was der Bund 1974 für sein Energieforschungsprogramm bereitstellen will – ausgibt. Er ist andererseits groß für ein Unternehmen wie die Ruhrkohle AG, die sich nach den Worten ihres Sprechers „ganz schnell auf die Sache gestürzt“ hat.