„Ärgernisse eines Zauberers“, Satiren und Marginalien von Gerhard Amanshauser. Von dem heute fünfundvierzigjährigen Salzburger Autor, der gegenwärtig an seinem ersten größeren Buch über ein Gespensterschloß arbeitet, waren bereits mehrmals Bände kurzer Prosa anzuzeigen, die sein spezifisches Talent verrieten, Fiktion und Philosophie miteinander zu verbinden. Das soll heißen, Erzählung geht bei ihm in Betrachtung über, und umgekehrt werden aphoristische Pointen nicht ohne den Hintergrund einer bildhaften und sinnlichen Erfahrung vermittelt. Satire ist dafür eigentlich ein unzutreffender Begriff, oder nur in dem Sinne, wie die kürzesten Parabeln Kafkas – bis hin zum „Schlag ans Hoftor“ – satirische Verzeichnungen allgemeiner psychologischer Vorgänge sind, die der Verdeutlichung durch das Absurde bedürfen. Das passiert auch in Amanshausers kurzen Stücken, wenn er etwa den Mechanismus von Reklame oder Wahlen präpariert, die Systeme der Erde mit ihrer vorzeitigen Zivilisation als ein „Reservat W“ einkreist und sie bis ins scheinbar Labyrinthische verrätselt. So rollen die Menschen der Räderzeit „unermüdlich auf glatten Fahrwegen umher, als müßten sie nach einem verworrenen Plan ständig ihre Wohnsitze wechseln Es ist wie bei der Besichtigung eines nicht mehr funktionierenden Perpetuum mobile: Staunen und Gelächter. Unter den fünf Zyklen von Prosastücken bereiten vor allem die Ansichten von Salzburg reines Vergnügen. (Residenz Verlag, Salzburg, 1973; 115 S., 9,80 DM.)

Martin Gregor-Dellin

„Das Ekel aus Säffle“, Kriminalroman von Maj Sjöwall und Per Wahlöö. Unter den Kriminalromanen der Gegenwart nehmen die des schwedischen Ehe- und Autorenpaares Sjöwall/Wahlöö eine Sonderstellung ein. In ihnen ist ein Mord nicht das isoliert betrachtete Verbrechen eines einzelnen, sondern eine Tat in genauem gesellschaftlichem Kontext. Mehr noch: Dieser Kausalzusammenhang wird nicht nur von einer Figur des Romans gelegentlich behauptet – das geschieht heute fast in jedem Krimi, der auf sich hält – er bestimmt die Struktur der Geschichte „Die Anzahl der verletzten Polizeibeamten war verschwindend klein, verglichen mit der Anzahl von Personen, die im Laufe eines Jahres von der Polizei mißhandelt worden waren“: Dieser Satz könnte auch in anderen Kriminalromanen vorkommen, wäre in den meisten aber nur Gag oder Einlage. Hier hat er eine Funktion; stärker noch als die früheren Bücher beider Autoren handelt dieses von der Polizei. Der Täter, das Opfer (das „Ekel aus Säffle“ nannten ihn seine Kollegen) und diejenigen, die den Fall klären, sind (oder waren) Polizisten. Die notwendige, oft stumpfsinnige Routinearbeit der Polizei; ihr Corpsgeist, der in der Regel verhindert, daß Übergriffe von Polizeibeamten geahndet werden, selbst wenn sie tödliche Folgen haben; die seelischen Mißbildungen, die Menschen davontragen, die sich ein Leben lang mit Verbrechen, das heißt: mit unserer Gesellschaft, herumschlagen müssen – dies alles wird von Sjöwall/Wahlöö präzis und lakonisch beschrieben und mit dem plot des Romans (dem Amoklauf eines ehemaligen Polizisten) logisch und untrennbar verbunden. – Der Realismus als literarische Methode erlebt in den Kriminalromanen von Sjöwall/Wahlöö einen späten, aber nie altmodisch wirkenden Triumph. (Aus dem Schwedischen von Eckehard Schultz; rororo 2294, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1973; 155 S., 3,80 DM.) Wilhelm Roth

„Theodor Fontane“, herausgegeben von Richard Brinkmann in Zusammenarbeit mit Edeltraud Wiethölter. Was läßt sich in zwanzig, dreißig Zeilen über einen auf 1700 Seiten überlegt edierten Fontane zu 156 Mark sagen? Der Herausgeber Richard Brinkmann äußert im Nachwort ein wenig zu forciert und anhaltend Bedenken dagegen, daß Fontane-Klischees durch die Ausgabe bestätigt werden könnten. Glücklicherweise, sage ich, ist es so. Wir haben noch immer zu lernen, was wir an Fontane haben; wir stehen noch am Anfang der Entdeckung eines Erdteils. Wir haben nicht viele derart unabhängige und urbane Geister. Er ist der Enkel Lessings, der Vater Tucholskys, der Berliner Bruder Schnitzlers. Mit Anstand wahre Freiheit zu praktizieren und über die Worte zu verfügen, in denen eine solche Haltung transparent wird, das zeigt Fontane in den beiden Bänden als seine Kunst des Lebens und des Schreibens. Sein kritischer und präziser Charme ist nicht geringer als der der schreibenden Wiener gegen 1900, eher größer, weil er nicht in der Gefahr steht, sich als Profession und florierende Firma zu etablieren, weil sozusagen nicht der Gewerbeschein herausgehängt wird. Wir sollten Fontane einmal für einige Zeit zu unserem Goethe machen. (Eine Anmerkung: Der im Stil des Lippeschen Hermannsdenkmals den „Fechter von Ravenna“ schrieb, ein „Trauerspiel“, das in ästhetischer Hinsicht wirklich eines ist, heißt Halm, nicht Hahn, wie die Edition wiederholt behauptet.) (Dichter über ihre Dichtungen, 12/1 und 12/11; Heimeran Verlag, München, 1973; 842 und 870 S., je 78,– DM.)

Klaus Jeziorkowski