Von Jürgen Kolbe

Was wir hier erlebt haben, rief nach sieben Diskussionsstunden der PH-Professor Werner Nicklis vom Podium, das war "eine Analogie zu den Berliner Ärzten, die einen Fötus abgesaugt haben. Heute abend ist der Geist abgesaugt worden". Dergestalt entgeistert, vermochte Nicklis denn auch "hinter den Stimmen mancher Disputanten die Unterdrücker von morgen" zu hören.

Emotionen dieser Mach- und Sprachart kamen bei der öffentlichen Redeveranstaltung des 3. Hessenforums in Wiesbaden auf, die just den Bedingungen des Sprachlehrens und -lernens galt und jenes Kulturpolitiker zu verhandeln hatte, an dem sich heute wie kaum je die Bildungsgeister scheiden: die hessischen "Rahmenrichtlinien für die Sekundarstufe I Deutsch".

Obwohl das ominöse Papier bereits im Oktober 1972 erschienen ist, in der Schulpraxis bisher kaum erprobt wurde und mittlerweile vom hessischen Kultusministerium als "vergriffen" gemeldet wird, heizt es noch immer eine geradezu mit Kulturkampfstimmung betriebene Kontroverse an. Wie er es denn halte mit diesen Richtlinien (die ja lediglich Lernziele versuchsweise fixiert und keineswegs verbindliche Lehrpläne festgeschrieben, hatten), ist für jeden auch nur entfernt von Schulischem Betroffenen zur bildungspolitischen, mehr noch, zur ideologischen Gretchenfrage geworden.

Zwar war Ideologie stets im Spiel, wenn es darum ging, zu bestimmen, wie nun was mit welchem Ziel im Deutschunterricht zu vermitteln sei. Doch erst als der Deutsch-Didaktiker Hubert Ivo und seine Mitarbeiter mit ihrem Zweifel an den nationalen und sozialen Tabus des "Hochsprache" genannten Bildungskodes und des überkommenen Kanons "höherer" Literatur aus dem Rahmen üblicher Richtlinien fielen, erlebte das laue Reformklima hierzulande einen Wettersturz. Noch in Wiesbaden am vergangenen Donnerstag donnerte es.

Bis dahin war das Richtwerk – meist seines soziolinguistischen Ansatzes und seiner vermeintlichen Literaturfeindlichkeit wegen – von einer kaum noch überschaubaren Flut von Einwänden und Widerständen überschüttet worden (neuerdings vorzüglich dokumentiert in einem Buch von Christ/ Holzschuh/ Merkelbach/ Raitz/ Stückrath: "Hessische Rahmenrichtlinien Deutsch" – Analyse und Dokumentation eines bildungspolitischen Konflikts; Bertelsmann Universitätsverlag, Düsseldorf 1973); hatte sich auch die sachliche Kritik mit bewußten oder zornesblinden Fehldeutungen der Richtlinien zu jenem bildungspolitischen Brei verdickt, den die Diskutanten des 3. Hessenforums und ihr über tausendköpfiges, meist aus gezielt eingeschleusten Schülern bestehendes Publikum nun abermals zu löffeln hatten.

Unter diesen Vorzeichen und vor einer auf lautstarke Bestätigungsdemonstrationen eingestellten Kulisse, die den Richtlinien ein echtes Heimspiel bescherte, ließ sich einzig der klaffende Riß präsentieren, mit dem diese Lernzielbilder das (freilich nie einhellige) Selbstverständnis vieler Deutscher dramatisch entzweit haben. So souverän Hellmut Becker auch moderierte – hoffnungslos, vom Podium, das paritätisch einigermaßen pro (Eberhard Lämmert, Peter Wapnewski, Konrad Wünsche) und ziemlich kontra (Karl Korn, Werner Nicklis, Robert Ulshöfer) besetzt war, Klärungen alter Streitigkeiten oder gar Perspektiven für die Zukunft zu erwarten.