Von Peter Wapnewski

Mameloschen, das heißt „Muttersprache“ – und zwar desjenigen Teils der Judenheit, der Jiddisch gesprochen hat, auch heute noch spricht. Das sind die Aschkenasim, das heißt die „deutsch“ sprechenden Juden (im Gegensatz zu den spanisch sprechenden, den Sephardim).

Das Jiddische als Sprache ist falsch bezeichnet, wenn man es etwa einen deutschen Dialekt nennen wollte. Die Wissenschaft zieht in einem Falle wie diesem den Begriff der „Nahsprache“ oder „Nebensprache“ vor. Das Jiddische also entwickelte sich im Mittelalter zu einer eigenen Sprache „neben“ dem Deutschen mit einer – vor allem vom ostjiddischen Judentum geprägten und getragenen – eigenständigen Literatur. Eine Mischsprache, bei freilich sehr unterschiedlicher Beteiligung der Mischungskomponenten: Etwa siebzig Prozent stellt das deutschsprachliche Element, etwa 20 Prozent das hebräisch-aramäische, an dritter Stelle steht das slawische (dazu kommen Partikel aus romanischen Sprachen).

Als eine Gettosprache, als Verständigungsinstrument einer ständig bedrohten und verfolgten Minderheit, hat diese Sprache sich auf sich selbst zurückgezogen, sich konservativ und konservierend verhalten und bis heute lautliche und syntaktische Eigentümlichkeiten etwa des Mittelhochdeutschen bewahrt. Heute: Es hat vor Hitler schätzungsweise 12 Millionen Jiddisch sprechender Juden gegeben, von ihnen lebte etwa die Hälfte in Mittel- und Osteuropa. Diese Hälfte ist ermordet worden. Dies ist einer der Gründe, warum das Jiddische heute durch Schwund bedroht ist. Der andere: die nicht zuletzt durch Hitler und seinen Genozid geförderte Vereinigung der Juden zu einem Nationalstaat mit eigener – nicht jiddischer – Sprache.

Jiddistik, so nennt sich (nicht eben geschickt) die diesem Gegenstande zugewandte Wissenschaft. Nur wenige Forscher und Institute beschäftigen sich mit ihr, und die deutsche Germanistik, die hier aus historischen und moralischen Motiven eine Aufgabe gehabt hätte, hat sie nicht angenommen.

Einer der wenigen deutschen Experten des Jiddischen ist Otto F. Best, 1929 geboren, bis vor wenigen Jahren Verlagslektor in München, heute Professor der Germanistik in den USA. Sein Buch –

Otto F. Best: „Mameloschen – Jiddisch, eine Sprache und ihre Literatur“; Insel Verlag, Frankfurt, 1973; 348 S., 28,– DM.