ARD, Montag, 25. März: „Golo Mann im Gespräch mit Richard von Weizsäcker“

Das Fernsehen kann so vieles, aber das scheinbar Einfachste fällt ihm ungeheuer schwer: ein Gespräch zwischen zwei Leuten zu zeigen. Sprechen sie überhaupt miteinander? Ist nicht der 45-Grad-Winkel typisch: Jeder spricht schräg zur Kamera? Und bewirkt das Fernsehen nicht einen Lupen-Effekt, der eine natürliche Gesprächssituation gar nicht erst aufkommen läßt?

Abgesondert, vergrößert, eingerahmt und vervielfältigt, laden jedes Gesicht und jede Stimme zu einem erbarmungslosen Hinsehen und Hinhören ein. Daß sie so hervorgehoben vorkommen, ist eine unentwegte Herausforderung an den Zuschauer, sie ungenügend zu finden. Bei jedem Gespräch mit einem leibhaftigen Gegenüber wird diese mißtrauische Aufmerksamkeit gedämpft: Da muß jeder auch auf sich selber achten. Das Fernsehen stellt ihn frei zur puren Beobachtung. Hingelümmelt in seinen Sessel, kann er an den Nägeln kauen und unnachsichtig das geringste Mundzucken dessen registrieren, der da auf immaterielle Art in seinem Wohnzimmer aufzutreten die Stirn hat. So leicht hält niemand diese Prüfung aus.

Und wie soll der Interviewer (der ja sozusagen den Vertreter des Zuschauers vor der Kamera spielt) so einem Befragten begegnen: von oben? von unten? von gleich zu gleich? Soll er nur Stichworte für Antworten reichen? Soll er sich selber geltend machen? Wie soll er intonieren: zurückhaltend (also blaß) oder forsch (also präponderant)?

In seinen Talkshows probiert Dietmar Schönherr zur Zeit alle Möglichkeiten durch, verunsichert, aber leider nicht durch die Ahnung, daß er dem einen oder anderen seiner Gesprächspartner schlicht nicht gewachsen ist. Klaus Harpprecht in seinen Prominentenbefragungen wirkte immer ein wenig, als reiche ein Primus Fragen hinauf in die höhere Welt. Günter Gaus ließ sich in der Regel nur von hinten sehen: ein hervorragend geölter, präziser Frageautomat, keine Person in einem persönlichen Gespräch.

Seinen Part hat der Südwestfunk für eine neue Sendereihe an Golo Mann übertragen. Unsicherheit, Devotheit, Unpersönlichkeit: das gibt es bei ihm natürlich nicht. Er spricht von gleich zu gleich; schon das Arrangement, der im Land des Fernsehens surreal aufgebaute Tisch mit den beiden gegenüberstehenden Sesseln, macht die neue Situation deutlich. Und manchmal denkt der Zuschauer, Golo Mann sei hier der Interviewte – so gern und leicht kommt er selber in Fahrt.

Es ist dies keine ungünstige Ausgangslage für eine Sendereihe dieser Art. Nur zeigte sich hier eine andere Tücke: Diese Gespräche können nur Funktionieren, wenn Golo Mann seine Absicht wahrmacht und wirklich „Leute anderer Gesinnungen“ befragt. Mit dem CDU-Politiker Richard von Weizsäcker war er völlig einig. Ob von der Unentrinnbarkeit von Sachzwängen, den Segnungen des Konservatismus, der Abneigung gegen alles Sozialistische, den schlechten Chancen für Europa, den Gefahren der Ostpolitik die Rede war: immer und immer stimmte er ausdrücklich völlig zu, fand den Gesprächspartner gar „noch zu milde“. So saßen sich zwei souveräne und scharfsinnige Köpfe gegenüber, und trotzdem war es eine müde Sache. Statt sich gegenseitig zu zwingen, einmal dorthin zu denken, wo ihre Gedanken nicht sowieso schon waren, fragten sie sich ein paar sehr allgemeine eigene Meinungen ab. Zwei distinguierte ältere Herren warteten darauf, einen Gegner zu haben, und hatten vor sich nur ihr Spiegelbild. Wer aber redet mit seinem Spiegelbild, es sei denn fürs Fernsehen? So blieb auch der Zuschauer wieder frei, Mundwinkel zu studieren und den vergeblich wartenden Augenaufschlag rechts, den vergeblich wartenden Augenniederschlag links, das heißt, nicht etwa nachzudenken über die so einstimmig beschworenen Schrecken des Sozialismus, sondern über die Mühe des Fernsehens, etwas so Einfaches zu zeigen wie ein Zwiegespräch. Dieter E. Zimmer