Von Jürgen Kramer

Washington, im März

Von dem nimmermüden Mike Mansfield abgesehen, der prompt sein Steckenpferd sattelte und abermals (zum wievielten Male?) eine beträchtliche, einseitige Reduzierung der US-Truppen in Europa forderte, hat kein prominenter Außenpolitiker des Kongresses den Ball zurückgeworfen, den Präsident Nixon und Außenminister Kissinger ihm zugespielt hatten. Nixons wie Kissingers Drohung, durch die Unbotsmäßigkeit der Europäer werde eine neue Welle des Isolationismus in Bewegung gesetzt, fand keinen Widerhall.

Nimmt man den Kongreß als Maßstab für diesen angeblichen „neuen Trend zum Isolationismus“ (Nixon in Houston am 19. März), so sucht man vergeblich nach aktuellen Hinweisen. Die im Kapitol seit Jahren virulente isolationistische Grundströmung hat seit Monaten keine neuen Eruptionen mehr verursacht, im Gegenteil. Zumal im Senat hat sich die in der Endphase des Vietnamkrieges und unmittelbar nach dem Friedensschluß emphatisch geführte Debatte über Amerikas reduzierte Rolle auf der Weltbühne beträchtlich abgekühlt.

Der für die Nach-Vietnam-Ära prophezeite Rückzugstrend hat einer Billigung des Détente-Globalismus Platz gemacht. Zwar ist die Begeisterung für diesen Supermacht-Bilateralismus in dem Maße wieder abgeklungen, in dem die allzu hochgesteckten Erwartungen in den amerikanischsowjetischen Entspannungsdialog enttäuscht wurden; doch ist auch in der gegenwärtigen Ernüchterungsphase der Détente der Rückhalt für Nixon und Kissinger nach wie vor groß. Sie können ihre Politik nach innen wie nach außen immer wieder unter Hinweis auf die „globale Verpflichtung“ der USA verteidigen. Kissingers internationale Schlichterrolle wird von den Amerikanern als willkommener Kontrapunkt zu der Lähmung des Landes durch Watergate empfunden.

Zwar findet man selbst in der liberalen Presse hin und wieder Klagen darüber, wie sehr die USA „durch die Verantwortung für den Frieden auf der Welt aufgerieben werden“ (New York Times), doch überwiegt der Stolz, einen Mann wie Henry Kissinger zu haben, „den bemerkenswertesten Außenminister der amerikanischen Geschichte“, wie Cyrus L. Sulzberger am Vorabend der Moskaureise Kissingers schrieb. Und Joseph Alsop, der bekannte konservative Publizist, stellte dieser Tage fest: „Dieses selbstkastrierte Amerika, so gefährlich geschwächt es auch dank seines eigenen Handelns ist, ist noch immer viel stärker als jede andere westliche Nation.“

Die Konfrontation mit Europa wurde von Nixon und Kissinger in einem Augenblick eskaliert, in dem der während des Nahostkrieges ausgelöste Unmut der amerikanischen Öffentlichkeit über das Verhalten der Europäer seinen Höhepunkt bereits überschritten hatte. Außerdem mochte sich der Kongreß nicht vor den Karren der Watergate-Ablenkung spannen lassen.