Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im März

Eines Tages im Mai, spätestens im Juni, wird.Michael Kohl in Bonn vor der Villa Hammerschmidt vorfahren. Über den roten Läufer, der für offizielle Besucher ausgerollt liegt, wird er die wenigen Stufen zum Amtssitz des Bundespräsidenten hinaufsteigen. Gustav Heinemann wird Kohl in der sogenannten Galerie erwarten und dort sein Beglaubigungsschreiben als erster Leiter der Ständigen Vertretung der Deutschen Demokratischen Republik bei der Bundesrepublik Deutschland entgegennehmen. Dann werden sich die beiden Herren in das angrenzende „Säulenzimmer“ begeben, um sich bei Obstsäften und Sherry für eine Weile zu unterhalten.

Ganz ähnlich wird es einige Tage früher oder später zugehen, wenn der Vorsitzende des DDR-Staatsrates, Willi Stoph, am Marx-Engels-Platz in Ostberlin Günter Gaus zur Akkreditierung als Leiter der Bonner Vertretung bei der DDR empfängt. Freilich, während der Ablauf solcher Antrittsbesuche sonst Routine ist, werden sie diesmal von einigen Besonderheiten gekennzeichnet sein, an denen die Zeremonienmeister des Protokolls noch tüfteln, vor allem in Bonn.

Dabei geht es nicht nur um den blauen Anzug, den Heinemann statt des Cuts anziehen wird, und auch nicht nur darum, daß kein Zug des Bonner Wachbataillons, sondern voraussichtlich ein Offizier des Bundesgrenzschutzes Michael Kohl am Eingang zum Präsidentenpalais die Ehre erweisen wird, während umgekehrt Gaus im Staatsratsgebäude ein Empfang wie für einen ausländischen Missionschef sicher ist. Es wird noch weitaus subtilere, aber politisch wichtigere Unterschiede geben.

Zum Beispiel in den Beglaubigungsschreiben. Jene „besten Wünsche für das Blühen und Gedeihen der Republik X. Y.“, die der Bundespräsident den Bonner Vertretern mit auf den Weg zu geben pflegt, werden sich in dem Brief, den Gaus an Stoph überreicht, gewiß nicht finden, und wohl auch nicht in dem Beglaubigungsschreiben Kohls. Über den Text der beiden Papiere, der nicht identisch zu sein braucht, müssen sich beide Seiten noch verständigen. Er wird sehr viel nüchterner ausfallen als jene feierlichgeschwollenen Diplomatenfloskeln, wie sie sonst bei Akkreditierungen üblich sind.

Ein anderer Unterschied: Normalerweise werden Beglaubigungsschreiben vom Staatsoberhaupt und Außenminister des Entsendelandes unterzeichnet. Das wird bei Kohl auch so sein, nicht aber bei Gaus, dessen Dokument die Unterschrift Heinemanns und die Brandts statt Scheels tragen wird – getreu der Bonner Maxime, daß die beiden Staaten füreinander nicht Ausland sein können.