Unlängst gab es in Innsbruck heftige Auseinandersetzungen um ein katholisches Freizeitzentrum, in dessen Folge der geistige Kopf dieses Zentrums, der 45jährige Jesuitenpater Sigmund Kripp (Photo), abberufen wurde. Da uns dieser Konflikt – moderne Pädagogik hier, katholische Kirche dort – exemplarisch zu sein scheint, weil er immer wieder allerorten aufbricht, wenn pädagogische Experimente auf traditionelle Denkformen stoßen, soll er im folgenden beschrieben werden. Aus dem Buch von Sigmund Kripp „Abschied von morgen“ drucken wir gekürzt ein Kapitel, in dem er das Freizeitzentrum, das Innsbrucker Kennedy-Haus, beschreibt. In einem zweiten Teil zeigt der Schweizer Journalist Ludwig Kaufmann den Konflikt um Kripp.

Das John-F.-Kennedy-Haus wurde 1964 im Zentrum von Innsbruck erbaut. Die Stadt zählt 110 000 Einwohner und ist verhältnismäßig kompakt angelegt, so daß das Jugendzentrum von jedem Punkt aus per Fahrrad in längstens 15 Minuten erreicht werden kann. Wie wichtig dies ist, ahnten wir (wir: das sind die Jugendlichen und die Erzieher des Kennedy-Hauses) bereits, als wir uns nach wiederholten Überlegungen für den Stadtkern als Standort entschieden. Das Haus kann seine Funktion als Treffpunkt für die Jugendlichen nur dank seiner zentralen Lage erfüllen.

Viele kommen täglich, manche mehrmals am Tage: Man hat in der Innenstadt zu tun, wird dabei vom Regen überrascht oder muß auf die Toilette gehen. Ausschlaggebend für den häufigen Besuch im Haus ist die Gewißheit, dort Freunde zu treffen. Mit ihnen kann man nicht nur alles besprechen, sie helfen einem auch bei Hausaufgaben oder in Geldverlegenheiten. Der tägliche Durchschnittsbesuch liegt bei 400 Jugendlichen, an Stoßtagen kann er sich verdoppeln. „Ich gehe so gern ins Kennedy-Haus, weil dort alle gut aufgelegt sind“, sagte einmal eine Sechzehnjährige, und tatsächlich wirkt es ein bißchen wie eine Insel in der Großstadt. Hier ist ein Freiraum, in dem die Jugendlichen ihre Umgangsformen selbst entwickeln. Sie entdecken hier ihre eigene Art, miteinander zu sprechen, niemand bat etwas an ihrer Kleidung auszusetzen. Was für die High Society von Innsbruck das Foyer des Landestheaters ist, nämlich ein Ort der Modenschau, das sind für unsere Jugendlichen Eingangshalle und Café des Kennedy-Hauses.

Die zentrale Lage des Kennedy-Hauses fordert natürlich auch Verzichte: Aus Platzmangel besteht kaum Möglichkeit, sich im Freien aufzuhalten, an Sportanlagen ist nicht zu denken. Anschließend an das Haus befindet sich das Jesuitenkolleg.

Die geistigen Vorteile solcher Nähe zu einer von Jesuiten geleiteten theologischen Fakultät sind immer wieder spürbar. Daß das Zusammenleben von Professoren und Jugendlichen aus dem gleichen Grund auch einigen Konfliktstoff mit sich bringt, ist klar. Die Patres wurden während ihrer Ausbildungszeit nicht unbedingt in die Werte der Popmusik, die zu jeder Tages- und Nachtzeit aus den vier Jazzkellern dröhnt, eingeführt, und die Jugendlichen können sich nicht vorstellen, was manche Patres den ganzen Tag tun. Es wäre andererseits schlecht, ein Jugendzentrum so zu isolieren, daß es keine Konflikte mit der Umwelt gibt. Es tut den Jungen gut zu lernen, auf alte Leute Rücksicht zu nehmen, und es schadet auch der Theologie nicht, wenn sie durch die Präsenz junger Menschen gezwungen sind, sich mit dem tatsächlichen Leben auseinanderzusetzen.

Das Kennedy-Haus ist kein Haus der Offenen Tür. Zur Mitgliedschaft können sich aber alle Schüler und Schülerinnen anmelden, die mitmachen wollen, die sich in irgendeiner Form engagieren möchten. Abgesehen von den Erstklaßlern kommen die meisten neuen Jugendlichen ins Haus, weil sie hier Freunde gefunden haben oder zu finden hoffen. Bei völligem Fehlen von Verbindlichkeiten ist es allerdings kaum möglich, andere Menschen kennenzulernen; dazu braucht es gemeinsame Gespräche, Arbeiten, Fahrten, Tagungen ... Wenn diese Veranstaltungen gut vorbereitet sind und nicht vereinsmeierischen Charakter annehmen, werden sie von den Jugendlichen selbst gewünscht, und ihr Besuch wird zur Selbstverständlichkeit. Man kann es auch Pflicht nennen. Ins Kennedy-Haus kommen Studenten und in der Überzahl Schüler der Innsbrucker Gymnasien. Deshalb ist unser Programm besonders auf die Bedürfnisse von Gymnasiasten eingestellt; es richtet sich schon rein zeitlich nach ihrem Freizeitrhythmus.

Inzwischen ist die Zahl der Mitglieder des Kennedy-Hauses bei rund 1350 (inklusive Hochschüler) stehengeblieben. Die Größe des Hauses und die Anzahl der mitarbeitenden Erzieher setzen, natürliche Grenzen. Erst wenn diese verändert werden (und das ist zur Zeit aus finanziellen Gründen nicht möglich), wird es sinnvoll, sich mit der Ausarbeitung eines Programms für andere Schülerschichten zu befassen.