Paris, im März

Um Georges Pompidous Gesundheit steht es schlechter als bisher zugegeben wurde. Nachdem Frankreichs Staatspräsident in der vergangenen Woche seine Teilnahme an zwei großen Diplomaten-Diners absagen mußte, ließ er auch den bereits bis ins Detail vorbereiteten Staatsbesuch in Japan annullieren und den Besuch in Bonn auf unbestimmte Zeit verschieben. Pompidou kann die Anstrengungen einer Reise zur Zeit gesundheitlich nicht verkraften. Seit Dezember 1972 war immer wieder von hartnäckigen Grippeanfällen die Rede, letzte Woche sprach ein ärztliches Bulletin erstmals von einem schmerzhaften Hämorrhoidenleiden. Doch schon seit Monaten wird gemunkelt, der 62jährige Pompidou leide an Krebs und habe im Elysee eine Kobaltbombe für Bestrahlungen installieren lassen.

„Man nimmt die Krankheiten von Präsidenten viel zu ernst“, scherzte Pompidou bei einem Empfang im Sommer 1972. Doch gerade in Frankreich würde ein arbeitsunfähiger Staatspräsident die Politik weitgehend lähmen. Denn nach der Verfassung von 1958 hat er keinen Stellvertreter, der seine Geschäfte kommissarisch führen könnte. Dazu kommt, daß Pompidou (mehr als sein Vorgänger Charles de Gaulle) die Fäden der gesamten Regierungspolitik in der Hand hält. Ohne ihn wäre die Regierung kopflos, die wichtigen Entscheidungen würden unerledigt liegenbleiben.

Das wäre besonders zum gegenwärtigen Zeitpunkt verhängnisvoll, da Inflation und Energieknappheit Frankreich vor schwierige wirtschaftliche und soziale Entscheidungen stellen. Die hektische Aktivität des französischen Außenministers Michel Jobert ist ohne den Dirigenten im Elysée nicht denkbar. Müßte Pompidou sich zurückziehen, dann stünde Frankreichs Diplomatie ratlos da, und die ohnehin schon brüchige atlantische Allianz wäre ebenso gefährdet wie der europäische Zusammenhalt.

Die politischen Parteien rechnen bereits damit, daß der Präsident sein Mandat vorzeitig zurückgibt. Immer öfter ist zu hören, die Präsidentschaftswahlen würden nicht erst 1976, sondern schon in diesem Sommer stattfinden. Seit dem Jahreswechsel wird auch die Nachfolgefrage heftig diskutiert. Heute hätte wohl Jacques Chaban-Delmas, der ehemalige Premierminister, die besten Chancen im Regierungslager. Er ist in der Bevölkerung beliebt und hat sich mittlerweile auch mit Pompidou arrangiert, der ihn 1972 in Ungnade entlassen hatte. Daß Pompidou jüngst Premierminister Pierre Messmer in seinem Amt bestätigte, spricht ebenfalls dafür, daß Chaban sich bereits, ungehindert von Regierungsgeschäften, auf die nächsten Wahlen vorbereitet. Michel Debré, der Wortführer der orthodoxen Gaullisten, hat ihn jedenfalls offiziell zu seinem Kandidaten für das höchste Amt im Staate gemacht.

Auch Finanzminister Giscard d’Estaing macht sich noch Hoffnungen auf die Nachfolge Pompidous. Doch je schneller die Preise klettern, desto geringer werden seine Chancen. Die Taktik der Oppositionsparteien ist noch unklar. Die beiden Führer der Reformatoren, Lecanuet und Servan-Schreiber, sind auf dem besten Weg, sich über der Frage zu zerstreiten, ob sie einen eigenen Kandidaten aufstellen sollen oder nicht. Zwischen Sozialisten und Kommunisten, die an ihrem Bündnis festhalten, ist noch unklar, ob sie mit einem Einheitskandidaten zum ersten Wahlgang antreten sollen.

Gerade die mangelnde Vorbereitung der Linken auf vorgezogene Präsidentschaftswahlen dürfte die „Barone“ des Gaullismus dazu veranlassen, den kranken Präsidenten zum Rücktritt zu bewegen. Für Pompidou wäre das tragisch, für Frankreich aber das Ende der Unsicherheit.

Klaus-Peter Schmid