Die Wolken über dem deutschen Aktienmarkt beginnen sich zu lichten. Etliche Banken veröffentlichen wieder Kaufempfehlungen. Sie haben nach Beendigung der Ölmengenkrise ihre pessimistische Grundhaltung revidiert. Anlaß dazu waren neue volkswirtschaftliche Erkenntnisse über die voraussichtliche Entwicklung in diesem Jahr, aber auch die bei einigen Unternehmen recht positiv klingenden Voraussagen über die Gewinnsituation.

Entscheidend für die Ertragslage in diesem Jahr wird sein, in welchem Umfang es gelingt, die explodierenden Kosten auf die Preise abzuwälzen. Das ist von Branche zu Branche unterschiedlich. Dazu ein aktuelles Beispiel: Die Europa Carton AG, Hamburg, eine führende Firma für Verpackungsmaterial, hat innerhalb weniger Monate ihre Verkaufspreise um rund ein Drittel erhöht und behauptet, damit lediglich die aus den höheren Papierpreisen und Lohnkostensteigerungen entstandenen Mehrbelastungen weiterzugeben. Und der Markt verträgt solche Preise!

Das Privatbankhaus Delbrück & Co. kommt in einem Konjunkturbericht zu folgender Diagnose: „Kostenmehrbelastungen durch Energie- und Lohnkostenverteuerung können weitgehend im Preis abgewälzt werden. Gleichzeitig wird die Industrie die von ihr beeinflußbaren Kosten einer strengen Kontrolle unterwerfen. So wurde der Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten von durchschnittlich 87 Prozent im Oktober 1973 bis heute auf rund 85 Prozent zurückgenommen, wodurch sich die Kosten der Kapazitätsüberbeanspruchung (zum Beispiel Überstundenlöhne, erhöhter Maschinenverschleiß) verringert haben und die Freisetzung von Personalreserven sowie ein sparsamerer Energieeinsatz möglich wird. Weiterhin dürfte die Rationalisierung konsequent vorangetrieben werden, was insgesamt zu einer Steigerung der Produktivität von mehr als drei Prozent führen kann. Zusammen mit den erzielbaren Preiserhöhungen wird hierdurch aber der Druck auf die unternehmerischen Gewinnmargen abgemildert, so daß sich die diesjährigen Gewinnrückgänge außerhalb der industriellen Produktionsbereiche nicht nur in Grenzen halten können, sondern es in Einzelsektoren sogar zu steigenden Ertragsverläufen kommen kann.“

Diese Auffassung wird abgestützt durch eine Voraussage der Deutschen Gesellschaft für Anlageberatung mbH – Degab –, Frankfurt/Main. Sie kommt zu dem Schluß, daß die Gewinne je Aktie in diesem Jahr im Durchschnitt um 4 bis 4 1/2 Prozent steigen werden nach 17 Prozent im vergangenen Jahr.

Gewinnsteigerung je Aktie in 1973 um 17 Prozent, in diesem Jahr sollen es noch einmal vier Prozent werden – und was machen die deutschen Aktienkurse? Seit Sommer vergangenen Jahres führen sie nur noch ein Schattendasein. In den Börsensälen, meine verehrten Leser, ignoriert man keinesfalls die sich auflichtenden wirtschaftlichen Daten. Es fehlt aber der Mut zu einer längerfristigen Anlage. Bestenfalls wird jetzt nur noch „von heute auf morgen“ disponiert. „Lockt die Aufwertungsspekulation weiteres Geld an“, so heißt es beispielsweise im Bleidorn Wirtschaftsdienst, „dann können selbst die negativen Aspekte der Vermögensbildungs-Zwangsabgabe zunächst überspielt werden.“

Aus solchen und ähnlichen Ausführungen geht hervor, daß – sollte die Vermögensbildungs-Zwangsabgabe zugunsten anonymer Fonds Gesetzeskraft erhalten – dem deutschen Aktienmarkt ein schwerer Schlag versetzt wird, der die Aktie als Anlageinstrument in der Bundesrepublik uninteressant machen wird.

Deshalb, meine verehrten Leser, scheinen mir wirtschaftliche Faktoren bei der Kursbildung nicht mehr die Hauptrolle zu spielen. Größeres Gewicht hat die Furcht vor einer entschädigungslosen Teilenteignung. Wir haben politisierte Kurse. Daraus folgert, daß bei künftigen Anlageentscheidungen der politische Faktor eine ausschlaggebende Rolle spielt.