Von Rudolf Freund

Auf dem Bildschirm erscheint riesengroß eine mächtige Klaue. Langsam fährt die Kamera näher an die tierische Waffe heran, bis einzelne Borsten und Widerhaken plastisch hervortreten. Dann drückt der Forscher auf den Auslöser seiner Photokamera: Die eindrucksvolle Detailaufnahme eines Spinnenbeines, tausendfach vergrößert, ist im Kasten.

Die Film- und Photosafari auf wehrhaftes Kleinstwild findet Tag für Tag im Keller des Kieler Zoologischen Instituts und Museums statt. Dort erforschen Professor Ernst Kullmann und seine Mannschaft mit Hilfe eines hochmodernen Rasterelektronenmikroskops den Körperfeinbau und die Entwicklungsgeschichte von Spinnen – einer „äußerst interessanten und vor allem sehr vielseitigen Tiergruppe“ (Kullmann).

Das aufkeimende wissenschaftliche Interesse an den achtbeinigen Räubern ist nicht allein auf Kiel beschränkt. Amerikanische Physiologen untersuchen an Netzen von Spinnen, die mit Aufputschmitteln wie Koffein gedopt wurden, die Wirkung von Drogen auf fest programmierte Verhaltensweisen: Gedopte Spinnen produzieren chaotische Netze. Südafrikanische Schädlingsbekämpfer siedeln bestimmte netzbauende Arten gezielt in Krankenhäusern an, um chemiegiftresistenten Insekten beizukommen – und erreichten in einem Fall einen 99prozentigen Rückgang der Fliegenzahl in zweieinhalb Monaten. Selbst im amerikanischen Himmelslabor Skylab waren die Krabbeltiere am wissenschaftlichen Programm beteiligt: Die Spinnenweibchen Arabella und Anita, durch TV TV-Übertragungen in den USA zu außergewöhnlichem Ruhm gelangt, spönnen ihre Netze im Weltraum, unbeeindruckt von der Schwerelosigkeit, so wie auf der Erde.

Ausstellung in Kiel

Dennoch empfinden viele Menschen nach wie vor „ein gewisses Gruseln“ und „Unbehagen“, wie der international renommierte Spinnenforscher („Arachnologe“) Kullmann zugibt, Vor den nützlichen Netzbauern. Zartbesaitete Besucher des Kieler Zoologen bekamen in den letzten Wochen ihren Schauder gleich dutzendfach verstärkt, wenn sie das Arbeitszimmer Kullmanns betraten. Dort hockte in lauernder Ruhestellung ein silberglänzendes, halbmetergroßes Spinntier auf dem Tisch – aus Metall geformt von dem Detmolder Bildhauer Hans Jahne.

Seit vergangenem Freitag kann das Schaudern vor der bizarren Form öffentlich genossen werden. In den Räumen des Zoologischen Museums Kiel eröffneten Kullmann und Jähne die Ausstellung „Form und Struktur“, die bis zum 3. Juni gezeigt wird. Forscher und Künstler präsentieren bei dieser ungewöhnlichen Schau mit ihren jeweiligen Möglichkeiten aufregende Einblicke in eine weithin unbekannte Mikrowelt. Kullmann zeigt großformatige, plastische Elektronenmikroskopaufnahmen mit optisch reizvollen Details des Spinnenkörpers, stellt dazu präparierte Tiere und – in gläsernen Schaukästen – lebende Arten mitsamt ihren komplizierten Netzbauten aus. Jähne dagegen besticht mit überdimensionalen, metallisch schimmernden Gliederfüßlern: Spinnen, Skorpionen und verschiedenen Insekten.