Von Eduard Neumaier

Die christlich-demokratische Opposition gleicht jener kleinen Märchengestalt, der die Sterntaler ins geschürzte Hemdchen regneten, nachdem sie lange Zeit lieblos behandelt worden war. Gegenwärtig wird die Union vom Wahlsegen so heimgesucht, daß man sich sorgen muß, ob sie mit dem unverhofften Glück fertig werden kann.

Ungeachtet der Ermahnungen aller ihrer Oberen, nicht übermütig zu werden, scheint einer ihrer wichtigsten Anführer, Franz Josef Strauß, den Kopf zu verlieren. Er stellte laut-forsche Überlegungen an über die Wünschbarkeit einer vierten Partei in der Bundesrepublik – und das zu einer Zeit, da der Union die Wähler in so hellen Scharen zulaufen, wie sie der SPD davonrennen. Vermutlich will der Bayer die CDU daran erinnern, daß alle ihre reichen Siege den Faktor Strauß nicht außer Kraft setzen. Er wijl sein Gewicht in Erinnerung bringen – als könnte je ein CDU-Führer den Gedanken an F.J.S. verdrängen. Und ihn selbst hat offensichtlich die Sorge befallen, daß der „Bürger“ Trend, schon bald auch die Union grüßen, sprich verlassen könnte.

Strauß mag eine solche Entwicklung im Auge haben, und das würde wenigstens zum Teil erklären, warum er seiner politischen Phantasie freien Lauf ließ. Aber auch für das Denken mit der Zunge sollte der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel gelten. Der CSU-Chef scheint jedoch bereit, für eine fixe Idee ein bewährtes Kräftespiel in diesem Staat aufs Spiel zu setzen, das zwei große Parteien und eine kleinere, regulierend und mäßigend wirkende Partei hervorgebracht hat. Über dreizehn Jahre hat die FDP diese Regulativfunktion im Bündnis mit der Union wahrgenommen; sie hat dort antreibend gewirkt – im Sinne größerer Liberalität – und gebremst und verhindert, wenn die Union ihren Neigungen zum politischen Konfessionalismus nachgab. Seit 1969 übt sie sich im Bündnis mit der SPD und mit unverändert gebliebenen Prinzipien. Auf einmal sieht Strauß das Kräftespiel außer Funktion gebracht.

Daß er die Wendung der FDP zur SPD mißbilligt, ist-sein gutes Recht. Daß er für die Bewegungsfreiheit der Liberalen fürchtet, ist nicht schon deshalb unrichtig, weil er es tut. Aber seine Schlußfolgerungen sind so offenkundig falsch, daß man sich fragt, ob er nicht gerade erreichen will, was ihn scheinbar so besorgt macht: die noch festere Bindung der FDP an die SPD.

Eben das ist geschehen: Genschers Bekräftigung der Koalition, Mischnicks Andeutung, die FDP sei auch nach 1976 bereit, mit den Sozialdemokraten zusammenzugehen, die Rüge, die der FDP-Bundesvorstand dem nordrhein-westfälischen FDP-Vorsitzenden Riemer verpaßt hat (er hatte freilich, als er die Aktionsfähigkeit der SPD in Zweifel zog, nur ausgesprochen, was andere führende Liberale denken) – all das steht im Gegensatz zu dem, was Strauß angeblich zu erreichen gedachte. Wollte er die FDP verunsichern, ließe sich das besser durch programmatische Annäherungen und Gemeinsamkeiten erreichen, deren es zwischen CDU und FDP viele gibt, allerdings beträchtlich weniger zwischen CSU und FDP.

Strauß sollte dies nicht bedacht, die Reaktion der FDP nicht vorhergesehen haben? Wohl kaum. Dann aber lautet die Frage: „Cui bono?“ Und da fällt einem immer Strauß selber ein. Oder anders gefragt: Wenn Strauß auf die Unauflöslichkeit des SPD/FDP-Bündnisses hinarbeitet – sind dann seine Pläne einer vierten Partei doch ernst gemeint? Der Kreis derer, die das glauben, ist nicht kleiner geworden, seit Strauß den FDP-Dissidenten und CSU-Hospitanten im Bundestag, Siegfried Zoglmann, schon vor der Bundestagswahl 1972 eine Deutsche Union gründen ließ.