Von Rolf Henkel

München

In Bayern, wo Justitia nach einem Dekret des zuständigen Ministeriums weiterhin unter dem Kruzifix Recht spricht, ist der Römer Marcus Tullius Cicero wieder – zumindest in Justizkreisen – zu Ehren gekommen: O tempora, o mores (o diese Zeiten, o diese Sitten) stöhnen humanistisch gebildete Ankläger und Rechtsprecher gemeinsam und schütteln den Kopf über jene Unsitte, die ein just mit der Wahrung von Sittlichkeit beauftragter Staatsdiener gepflogen haben soll.

Der Münchner „Sitten-Staatsanwalt“ Horst Hörauf (31) hat nicht nur drei Dutzend Zuhälter und ebensoviele „Salons“, in denen sehr weitgehende Massagen verabreicht wurden, auffliegen lassen, nein, er soll selbst mit einer jener Dienerinnen der Entspannung eng befreundet gewesen sein. Und zudem, so heißt es im Eröffnungsbeschluß über eine vom Generalstaatsanwalt erhobene Anklage, besteht der Verdacht der Vortäuschung von Straftaten und des Versicherungsbetrugs. „Das ist“, so erklärte Hörauf, „eine gezielte Rachekampagne der Unterwelt.“

In der Tat gehört der Kleinkrieg zwischen Ganoven und deren Verfolgern auch in der bayerischen Landeshauptstadt zum Alltag der Kriminalisten, und Hörauf wäre zweifellos ein lohnendes Objekt – oder Ziel. Immerhin machte er sich in der vom Laster lebenden Unterwelt Münchens durch hartes Durchgreifen gegen Rocker, Dirnen und Zuhälter kräftig unbeliebt. „Wir haben aufgeräumt“, bekennt er nicht ohne Stolz und meint: „Ich muß dabei jemandem unheimlich auf die Zehen getreten haben.“

Auf ihn und einen Kollegen soll die Unterwelt zeitweise sogar ein Kopfgeld ausgesetzt haben. Die Polizei ordnete daraufhin dem Staatsanwalt zwei Monate lang einen Leibwächter zu. Als dieser gerade abgezogen worden war, schlug irgend jemand zu: Am frühen Morgen des 2. Januar wurde Hörauf neben seinem Wagen in der Tiefgarage des Schwabinger Miethauses, in dem er ein nobles Apartment bewohnt, überfallen und schwer verletzt. Drei Wochen lag er in der Klinik, jetzt ist er krankgeschrieben.

Während sich Hörauf im Schwäbischen vom Schreck und den Blessuren kurierte, liefen plötzlich die Ermittlungen gegen ihn an. Woher auch immer der Tip kam und von wem die Polizeireporter der Münchner Zeitungen so eingehend informiert wurden – der Staatsanwalt geriet ins Zwielicht. Und die oberste Ermittlungsbehörde, sonst in der Darstellung der sie selbst betreffenden Verfahren höchst zurückhaltend, bestätigte den „Fall“.