Tradition, das bestätigt in diesen Tagen auch der sensationelle Andrang zu den antiken Kulturschätzen im jüngst eröffneten Kölner Römisch-Germanischen Museum, wiegt bei den Deutschen schwer. Wie anders hätte sonst ein zweiundvierzig Sänger zählendes a-cappella-Ensemble, die vatikanische Cappella Sistina, amtlich „Capeila Musicale Pontifica“, das Kunststück zuwege gebracht, die mehrere tausend Besucher fassenden Konzertsäle in Stuttgart, Bonn, Berlin und Düsseldorf zu füllen. Bei diesen Konzerten gastierte das päpstliche Vokal-Ensemble zum erstenmal in seiner über anderthalb Jahrtausende währenden Geschichte diesseits der Alpen; mit diesem erst durch die Reformen von Paul VI. im Jahre 1970 ermöglichten Schritt hat die römische Kurie ein Jahrhunderte hindurch wirksames Tabu gebrochen.

Wenn auch allgemein der um die Wende des 6. und 7. Jahrhunderts residierende Papst Gregor der Große als eigentlicher Begründer jener für die abendländische Musikentwicklung geradezu entscheidenden Gesangsschule angesehen wird, zweifelt die heutige Wissenschaft jedoch nicht daran, daß eine solche Institution längst vor ihm bestanden haben muß. Aufgefundene Dokumente sprechen davon, daß schon während der Zeit des Urchristentums Zöglinge nach Rom gereist waren, um Gesang zu studieren. Heimgekehrt in ihre Herkunftsländer, setzten sie dann die römische Musiktradition überall auf dem Kontinent fort.

Nach jahrhundertelänger Pflege des Gregorianischen Chorals, dessen rapide Ausbreitung nur so zu begreifen ist, erlebte das Repertoire der päpstlichen Sängerkapelle nach Aufhebung des Exils in Avignon Ende des 14. Jahrhunderts eine radikale Änderung: Nach langem Widerstand der Päpste hielt von da an die Mehrstimmigkeit Einzug. Und nicht einmal einhundert Jahre waren nach der Einweihung der berühmten Sixtinischen Kapelle im Jahre 1483, seitdem auch der Chor diesen Namen trägt, vergangen, als die liturgische a-cappella-Kunst in Palestrinas klassischer Vokalpolyphonie ihren Gipfel erreichte und vom Tridentiner Konzil ausdrücklich als Ideal der gottesdienstlichen Musik schlechthin sanktioniert wurde. Ihre enge Verknüpfung mit dem Gregorianischen Choral und ihr vollkommener Verzicht auf jedes instrumentale Beiwerk, dazu die völlige Ausgewogenheit von Harmonie und Linie, von textlichem Inhalt und musikalischer Auszierung widerstanden schließlich bis heute allen Anfechtungen der Neuen Musik.

Was Wunder also, daß auch auf den profanen Konzertpodien hierzulande nahezu drei Viertel des Programms aus Motetten und Messensätzen des kirchenmusikalischen Idols Giovanni Pierluigi da Palestrina bestand. Aber anders als unter den grandiosen Fresken und Gemälden Michelangelos an ihrem vatikanischen Stammplatz entbehrten die in adrett-sportlichem New Look und seriösem Abendanzug auftretenden Musikanten des Papstes in der entschieden nüchterneren Atmosphäre des Konzertsaals der ansonsten beschworenen Magie des Raumes.

Das brachte in Sachen Intonation und Präzision mancherlei Unebenheiten mit sich. Mit kräftig rudernden Armen und temperamentvollem italienischen Schwung führte jedoch der seit 1956 amtierende und nach bewährter alter Manier auch selbst komponierende päpstliche Kapellmeister Monsignore Professor Domenico Bartolucci seinen Chor über alle Klippen hinweg. Energisches Zupacken scheint ihm nicht nur dabei eigen: seinem Neuerungsbestreben, an die schon im Früh-Christentum geübte Kontaktnahme der vatikanischen Sängergarde mit kontinentalem Publikum wieder anzuknüpfen, erteilte nicht zuletzt auch darum Paul VI. seinen Segen.

Peter Fuhrmann