Von Rudolf Walter Leonhardt

Es stand in der FAZ, und es wird dort dem Regierenden Bürgermeister zugeschrieben: „Bindungen Berlins an den Bund unverzichtbar.“

Es steht natürlich nicht nur in der FAZ, sondern aus allen Gazetten und vielen politischen Reden springt es uns an, dieses Monstrum „unverzichtbar“.

„Verzicht“ ist ein friedfertiges Wort. Es entstand, von „verzeihen“ abgeleitet, in der Rechtssprache des Mittelalters und bedeutet dort im weitesten Sinne, einem Anspruch entsagen – was seit etwa zweihundert Jahren auch verbal ausgedrückt werden kann: verzichten.

Wer auf eine Sache nicht verzichten will, der muß eben sagen: Ich kann oder will auf diese Sache nicht verzichten. Man mag ihn, wenn es denn sein muß, „unverzichtend“ nennen.

Aber das könnte ja unfreundlich oder gar uneinsichtig wirken. Und deshalb bildete man dieses Wortungetüm „unverzichtbar“, zu dem es ein Getüm „verzichtbar“ nie gegeben hat. Der Trick, und das ist das Schlimme an dem Wort, besteht darin, daß man so tut, als wäre da nicht eine Person, die auf eine Sache nicht verzichten will oder kann, sondern als ob die Sache selber nicht „verzichtet werden“ wolle, als ob sie von sich aus nicht „verzichtet werden“ könne, so wie das, was unsichtbar ist, nicht gesehen werden kann. Der Verstoß gegen die Regeln der Grammatik (ein intransitives Verb wird behandelt, als ob es transitiv wäre) erweist sich hier wie so oft als ein Verstoß gegen die Wahrhaftigkeit. Es mag viele Dinge geben, auf die wir nicht verzichten können; aber es gibt schlechterdings kein Ding, das uns den Verzicht verweigerte, das „unverzichtbar“ wäre.