Was tut ein Mensch, bevor er auf die Reise geht? Er fragt Freunde aus, blättert in Prospekten, liest Anzeigen (vielleicht auch Artikel), sieht fern. oder sucht ein Reisebüro auf. Neuerdings geht er auch ins Kino.

So jedenfalls wollen es Veranstalter, Fremdenverkehrsbüros, Airlines und Eisenbahngesellschaften. Derzeit laden sie das urlaubswillige, aber noch unentschlossene Publikum in mehreren westdeutschen Großstädten zur Reise in die Zukunft dieses Sommers ein. In einem veritablen Festival gibt es (bis Ende Mai) kurze Spots und lange Streifen über Insel-, Bade- und Studienurlaub, insgesamt 150 Produktionen aus 51 Ländern. Der Film als vorweggenommenes Urlaubsglück? Doch wohl eher als zusätzliche Entscheidungshilfe. Wie groß nämlich das Bedürfnis nach Information ist, beweisen die Zuschauerzahlen: Beim ersten Festival vor drei Jahren in München hatte man mit 7000 Besuchern gerechnet – 25 000 kamen. In diesem Jahr ist es ähnlich.

Ob freilich diese „audiovisuellen Verkaufshilfen“, wie sie im Fachjargon heißen, die Erwartungen erfüllen, die das Publikum in sie setzt, ist fraglich. Die meisten der gezeigten Werbefilme lassen sich auf ein simples Schema reduzieren: lange Kameraschwenks über Strände und Felsenküsten, Hotelfassaden und Swimming-pools, Sonnenuntergänge an Meeresgestaden, ab und zu ein bißchen Flora in Großaufnahme, das Ganze meist mies geschnitten und schlecht synchronisiert.

Die Mehrzahl dieser Filme wird natürlich von Werbeleuten für Werbezwecke produziert. Aber Werbung muß ja nicht per se – dafür gibt es Beispiele – phantasielos, minderwertig und uninformativ sein. Einige Filme sind auch einfach zu alt, etwa ein sentimentaler Streifen über America the Beautiful, wie es sich dem Besucher in seliger Vor-Watergate-Zeit präsentiert hat.

Doch was schwerer wiegt: Es gibt kaum konkrete Angaben über Preise, Entfernungen und Klima in den Zielländern, geschweige denn Bilder von Hotelzimmern oder wahrheitsgemäße (Nah-)Aufnahmen vom Strand. Noch nicht einmal eine Karte wird in den meisten Filmen gezeigt. Und was spräche eigentlich dagegen, eine Schautafel mit Preisen an den Schluß zu stellen, die jedes Jahr aktualisiert werden könnte?

Den Vorteil des gefilmten Bildes gegenüber dem geschriebenen Wort: zu zeigen, was der Tourist tatsächlich erleben kann – diese Chance wird von den wenigsten Machern genutzt. Vereinzelt freilich gibt es auch respektable Versuche, am gelungensten da, wo sie sich auf einen bestimmten Aspekt beschränkten: auf den landschaftlichen (Irland), die Information über Vergangenheit und soziale Gegenwart (Djerba und Südtunesien) oder konkrete touristische Angebote (Malta).

Soll sich das Festival als zuverlässige Informationshilfe im Bewußtsein der reisenden Bundesbürger etablieren, bleibt für die Zukunft noch viel zu tun. Eine ganz neue Art von touristischem Werbefilm wurde auf der eben zu Ende gegangenen Internationalen Tourismusbörse in Berlin gezeigt: Ein erstmals ausgeschriebener Wettbewerb, der „Prix ITB“, setzte in der Tat neue Maßstäbe. Da wurde deutlich, daß man für ein Land, eine Stadt werben kann, ohne gleich in Marktschreierei zu verfallen; daß es ehrlicher ist, zu unterscheiden zwischen Filmen, die dem Betrachter nur Lust zum Reisen machen sollen, und anderen, die auf der verbalen Information beruhen. Schließlich zeigten viele der ITB-Filme, daß „touristischer Film“ und „künstlerischer Film“ kein Gegensatz zu sein braucht.