Zur gleichen Zeit, da Bundespräsident Heinemann in Belgien die Reihe der Versöhnungsbesuche westdeutscher Staatsoberhäupter im nichtkommunistischen Europa abschloß, wurden gegenüber Osteuropa die auswärtigen Beziehungen formell weiter vervollständigt. Drei Monate nach Vereinbarung des Botschafteraustausches zwischen der Bundesrepublik und Bulgarien war Außenminister Scheel am Montag und Dienstag in Sofia. Anfang April folgt noch ein Besuch in Ungarn.

Nach dem Wortlaut des Abschlußkommuniqués von Sofia wollen beide Regierungen ihre Beziehungen durch vier Kooperationsverträge festigen. Geplant sind Abkommen auf den Gebieten Wirtschaft und Industrie, Wissenschaft und Technik, Kultur sowie Transport.

Vor allem der Ausbau der wirtschaftlichen Kontakte liegt im bulgarischen Interesse. Die Parteizeitung Rabotnischesko Delo hatte von Scheel? Besuch – – dem ersten eines Bonner Ministers überhaupt – hierfür neue Impulse erhofft. Die Bundesrepublik ist Bulgariens wichtigster westlicher Handelspartner. Der Warenaustausch stieg im letzten Jahr um 30 Prozent auf 700 Millionen Mark.

Das Interesse am Ausgleich und der Verständigung mit Bonn verdeutlichte Moskaus treuester Satellit auf dem Balkan mit einer Geste: Vor der Ankunft Scheels wurden neun Bundesbürger freigelassen, die wegen Fluchthilfe verurteilt waren. Den Empfang in Sofia würdigte der Bonner Außenminister als „fabelhaft und liebenswürdig“.

Zweiseitige Schwierigkeiten gibt es zwischen Bonn und Sofia kaum. Grenz- und Umsiedlungsprobleme bestanden nie; Entschädigungen für den ehemaligen Kriegsverbündeten stehen nicht zur Diskussion. Trotzdem ging der Entspannungsprozeß zwischen der Bundesrepublik und Osteuropa lange Zeit an Bulgarien vorbei, obwohl Erhards Vorschlag, Handelsmissionen einzurichten, in Sofia schon sehr früh – 1964 – auf Widerhall gestoßen war. Nach solchen Verstände gungssignalen ließen die Bulgaren dann bei der Aufnahme diplomatischer Beziehungen am Ende sogar noch der ČSSR den Vortritt.