Von Jens Friedemann

Er startete nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft als Bierkellner in einer Frankfurter Besatzerkneipe. Heute ist er einer der erfolgreichsten Bankiers. Fritz H. Haase, der 52jährige Chef der Pfalz-Kredit-Bank in Kaiserslautern, bricht mit alten Banktraditionen: Auf Spargeld zahlt er Zinssätze wie kein anderer. Einlagen sucht er per Zeitungsanzeigen. Kunden aus allen Winkeln’ Deutschlands – die er nie gesehen hat – senden Schecks über fünf- und sechsstellige Summen in die Pfalzmetropole. Doch sein größter Erfolg: Kreditinstitute, die ihm in der Öffentlichkeit nicht grün sind, fragen seit neuestem an, ob er sein Haus nicht verkaufen möchte.

Wer die braungelbe Kommandozentrale in der Burgstraße in Kaiserslautern betritt, ist erstaunt. Statt eines „Bankschalters“ erblickt das Auge einen geräumigen, amerikanisch anmutenden Klubraum. Außer einer schußsicheren Glasverkleidung vor der Kasse, modernen Kleincomputern auf den „Beratertischen“ und Fernsehaugen, denen kein Winkel im Gebäude verborgen bleibt, deutet nichtsauf eine Bank.

Amerikaner waren es, die beim Start der Millionärslaufbahn Pate standen. Sie holten den Kellner, der eigentlich Gutsverwalter werden wollte, in die Pfalzmetropole und machten ihn zum Personalchef ihres Offizierskasinos. Wenig später legte er damals Dreißigjährige den Grundstein für seinen Aufstieg. Um deutschen Geschäftsleuten die Möglichkeit zu bieten, an die dollarschweren US-Soldaten heranzukommen, gründete er 1953 das Anzeigenblatt „The Chro-, nicle“.

Als sich Versicherungsleute vom Kölner Gerling-Konzern für die US-Kontakte des „Verlegers“ zu interessieren begannen, griff Haase zu. Kurzerhand quittierte er den Kasinodienst und gründete eine Versicherungsagentur, die „General Insurance Agency“, um die schnellen Wagen seiner ehemaligen Arbeitgeber zu versichern. Doch trotz nächtlicher Streifzüge durch die Garnison („Keine Windschutzscheibe war vor meinen Werbeprospekten sicher“) endete der erste Monat mit. einer großen Enttäuschung. Sein Verdienst: 18 Mark.

Als er dem Mißerfolg auf den Grund ging, stieß er auf eine interessante Tatsache: Die auf Ratenzahlungen getrimmten Amerikaner finanzierten ihre Karossen allesamt über eine US-Gesellschaft in Zürich. Dort wurden auch die begehrten Policen verkauft. „Als ich das erfuhr, saß ich im nächsten Zug nach Zürich“, berichtet er. Um die Konkurrenz auszubooten, offerierte er den Autofinanziers höhere Provisionen. Die Amerikaner, erfreut über den einträglichen Handel, boten dem dynamischen Makler sofort die Generalrepräsentanz für ganz Deutschland an. Fritz Haase vermittelte plötzlich nicht nur Kfz-Versicherungen, sondern auch die notwendigen Finanzierungen.

Ein einträgliches Geschäft: Innerhalb weniger Monate mäkelte sich der Exkellner zum erfolgreichsten Versicherungsagenten Deutschlands hoch. Zum Dank verlieh ihm der Gerlingkonzern 1955 den Titel „Mister Wirbel“ und lud ihn kostenlos zum Karneval in die Domstadt ein. Doch zwei Jahre später endete der Höhenflug jäh. Die in Wildwestmanier über enge deutsche Landstraßen preschenden Amerikaner produzierten eine nicht zu verkraftende Schrottlawine. Der Gerlingkonzern zog sich enttäuscht aus dem Geschäft zurück. Kurz darauf folgte; die Finanzierungsgesellschaft, nachdem auch sie ihren wichtigsten Partner verloren hatte.