Es stand im Guardian. John Grigg fragte und sagte: „Tendiert das Genie der Frau nicht doch eher zum Konkreten als zum Abstrakten? Wird es mit steigender Entfernung eines Gegenstandes oder einer Kunstform von den greifbaren Wirklichkeiten des Lebens nicht immer unwahrscheinlicher, daß Frauen da Hervorragendes leisten? ... Falls es sich herausstellen sollte, daß Frauen in bestimmten Arten der Kreativität den Männern ,unterlegen‘ wären, dann müßte das peinlich sein für diejenigen, die die Auffassung vertreten, alle außer den offensichtlichen physiologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern seien künstlich, von Menschen gemacht.“

Eva Figes kontert, in der gleichen Nummer des Guardian, und verheißt uns: „Angenehme Überraschungen, meine Herren, kommen auf Sie zu, und das auf allen Gebieten der Kunst.“

Evas Botschaft höre ich wohl. Allein ich kann kein Wort davon glauben. Es erscheint mir als so unwahrscheinlich wie möglich, daß den sichtbaren Unterschieden zwischen den Geschlechtern keine unsichtbaren entsprechen sollten; daß der Gott, die Evolution, das X-Chromosom nur Busen und Behaarung und so weiter unterschiedlich geregelt hätten.

Es ist ganz einfach nicht wahr, daß diese Welt es allen Frauen immerzu unmöglich gemacht hätte, ihre musischen oder wissenschaftlichen Fähigkeiten auszubilden und vorzuzeigen. Als Beispiel diene die Welt der Berliner Salons am Anfang des vorigen Jahrhunderts. Sie wurde beherrscht von Frauen wie Henriette Herz, Bettina von Arnim-Brentano und, vor allen anderen, Rahel Varnhagen von Ense. Die „Berliner Romantik“ könnte es so, wie der Historiker sie vorfindet, gar nicht gegeben haben ohne diese Frauen. Aber was davon geblieben ist, wurde geschrieben von den Schleiermacher, Hegel, Humboldt, Schlegel, Tieck, Heine – von lauter Männern.

Es kann keine Rede davon sein, daß in der Welt der Berliner romantischen Salons zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Frauen es schwerer gehabt hätten, unterdrückt worden wären. Zu fragen ist vielmehr, und das gilt nicht nur für das zufällige Beispiel, sondern ganz allgemein: Wird nicht in einer Welt, in der die Männer den Ton angeben, das unterschätzt, was Evas Y-Chromosom leitet? Mit anderen Worten: Liegt der das Bild verzerrende Störfaktor nicht eher bei der Rezeption als bei der Produktion? Und ganz banal: Wie kommt es, daß Kernphysiker ein höheres Sozialprestige genießen als Kindergärtnerinnen?

Männer können Musik, Mathematik und Malerei besser als Frauen. Sechstausend Jahre Geschichte unserer Zivilisation liefern dafür eine Kette von Beweisen ohne Ende: Zu fragen bliebe, ob nicht männliche Herrschaft unter den Konsumenten von Musik, Mathematik und Malerei dazu geführt hat, daß solche männlichen Kreationen über weibliche Gebühr hinaus geschätzt werden.

Wie alle Liberalen sehe ich einem neuen, einem im Rahmen der uns begreifbaren Geschichte ersten Matriarchat mit Fassung, ja, mit Begierde entgegen. Ich bin auch viel weniger bereit als John Grigg im Guardian, die Rolle der Frauen in der Politik geringzuschätzen.