Zur Diskussion um die Neuorientierung der amerikanischen Außenpolitik

Von Klaus Schwabe

Der französische Außenminister hat erst kürzlich noch die Präsenz amerikanischer Truppen in Europa als eine für die Vereinigten Staaten „nach wie vor grundlegende Angelegenheit“ bezeichnet. Steht das Interesse der Weltmacht in Amerika an Europa also weiterhin fest? Aus der Sicht der amerikanischen Geschichte ist das gar nicht so selbstverständlich, weist diese doch bis in unser Jahrhundert hinein immer wieder Zeitabschnitte auf, in denen sich die Amerikaner aus der internationalen Politik weitgehend zurückzogen. Ist eine solche Abkehr von Europa nicht auch heute wieder möglich – in ähnlicher Weise, wie Amerika gerade Vietnam den Rücken gekehrt hat?

Der amerikanische Historiker William A. Williams leugnet das Auftreten isolationistischer Zwischenphasen in der jüngeren amerikanischen Außenpolitik, fordert aber im selben Atemzug den Verzicht seines Landes auf die Weltmachtrolle. Sein 1959 erschienenes berühmtes Hauptwerk liegt jetzt endlich in deutscher Übersetzung vor:

William Appleman Williams: „Die Tragödie der amerikanischen Diplomatie“; aus dem Englischen von Nils Lindquist; Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1973; 350 S., 28,– DM.

Es ist ein großer Wurf der im modernen Sinne „kritischen“ Geschichtsschreibung, eine radikale Neuinterpretation der Geschichte der amerikanischen auswärtigen Beziehungen in den letzten sechzig Jahren aus der Sicht eines bürgerlichen Linken.

Williams bezeichnet die amerikanische Außenpolitik als Tragödie, weil sie zwar humanitär und friedlich konzipiert worden sei, bei ihrer Verwirklichung aber trotz aller guten Absichten allzuoft Expansion, Unterdrückung oder kriegerische Auseinandersetzung nach sich gezogen habe. Er führt dafür zwei Gründe an: einerseits die Unfähigkeit seiner Landsleute, sich im Verkehr mit anderen Völkern von eigenen Wertvorstellungen freizumachen, anderseits ihre Neigung, humanitäre Ziele mit wirtschaftlichen Interessen zu verquicken, vor allem mit dem Bedürfnis nach der Ausdehnung des amerikanischen Handels.