Der Streit um Metzeler

Von Hans Otto Eglau

Eine ungewöhnliche Entscheidung trafen am Mittwoch vergangener Woche die 13 Vorstandsmitglieder des Leverkusener Chemiekonzerns Bayer. Einstimmig beschlossen sie, in einer ihrer größten Beteiligungsfirmen zum Rückzug zu blasen.

Aus dem Vorstand des Münchner Reifen- und Kunststoffkonzerns Metzeler AG (Bayer-Beteiligung: 40 Prozent) zogen die Chemiebosse vom Rhein das von ihnen entsandte Vorstandsmitglied Günter Becker zurück. Gleichzeitig stellte Wilhelm Meyerheim, Mitglied des Bayer-Vorstands, mit sofortiger Wirkung seinen Sitz im Aufsichtsrat von Metzeler zur Verfügung,

Die Politik des leeren Stuhls richtet sich gegen den Mehrheitsaktionär und Generaldirektor des Unternehmens, den hessischen Selfmade-Unternehmer Willy Kaus, der mit 60 Prozent bei Metzeler beteiligt ist. Ihrem 74jährigen Mitaktionär werfen die Bayer-Manager vor, sich nicht an getroffene Abmachungen gehalten und durch seine autoritäre Führung dem Partner jede praktische Einflußmöglichkeit versperrt zu haben. Kaus seinerseits kreidet den Bayer-Leuten an, zu versuchen, sich „für ’n Appel und ’n Ei in den Alleinbesitz seines Unternehmens bringen zu wollen“. Während sich die beiden Aktionäre in umfangreichen Erklärungen öffentlich streiten, befindet sich die Unternehmensgruppe (20 000 Beschäftigte, 1,4 Milliarden Mark, Umsatz) in ihrer wohl schwierigsten Situation.

Die Vorgeschichte des Eklats beginnt genaugenommen bereits im Oktober 1972, als Willy Kaus an dem von ihm aus kleinen Anfängen aufgebauten Unternehmen Bayer mit zunächst 35 Prozent beteiligte und diese Quote ein Jahr später auf 40 Prozent erhöhte. Der wie ein Autokrat über sein Imperium regierende Industrielle hatte zu dieser Zeit eingesehen, daß durch die nachlassende Ertragslage und die hohen Schulden des Unternehmens die Anlehnung an einen finanzstarken Großkonzern unausweichlich geworden sei. Kaus: „Mir bot ein amerikanischer Interessent damals 300 Millionen Mark für die Firma, aber ich wollte nicht an Ausländer verkaufen.“

Für Bayer hatte der Pakt mit Willy Kaus doppelten Reiz: Einmal sicherten sie sich eine zuverlässige Absatzbasis für Polyuretan-Schaumstoffe und synthetischen Kautschuk. Zum anderen verhalf ihnen der Einstieg bei Metzeler zu einer besseren Ausgangsposition, um die deutschen Reifenfabriken zu einem international wettbewerbsfähigen Großkonzern unter der Führung Bayers zusammenzuschließen. Denn immerhin sind die Leverkusener über eine Holding bereits bei Conti-Gummi und Phoenix beteiligt.