ARD, Sonnabend und Sonntag, 30. und 31. März: „Eiger“, Dieter Meissner

Was am Alpinismus ist allgemeingültig? Und was denn gibt diesem auf Film fixierten Fernsehspiel von zweimal achtzig Minuten Dauer zur Länge auch das Gewicht und Rang und Rechtfertigung oberhalb nur spannender Unterhaltung? Wer den Bergsteigern, und zwar „jenen extremen Individualisten, die sich bewußt extremen Bedingungen aussetzen“, geduldig lausche, so meint Dieter Meichsner, der höre Begriffe, „die sich ohne Umschweife in die Terminologie sozialwissenschaftlicher und philosophischer Fachsprache unserer Tage übersetzen lassen“. Der „Balanceakt über dem Nichts“, dem der Alpinist sich in einem wiederholten Akt der Willensauflehnung aussetzt, decke sich vollkommen mit der Bewußtseinslage unserer Zeit, behauptet der Autor dieses Stücks mit dramatischem Anspruch.

Zunächst jedoch ist es ein Drama mit den Mitteln der Reportage. Ein paar junge Bergsteiger sind ins Berner Oberland gekommen, um „die Eiger zu machen“, nicht den Eiger, sondern speziell die Eigernordwand. Sie hat zwar nicht (wie die Einleitung des Films vermuten läßt) den „sechsten Grad“, den äußersten aller Schwierigkeitsgrade für Bergsteiger; aber wer sie bezwingen will, muß schon ein „Sestogradist“ sein. Diese rund 1800 Meter hohe Fels- und Eiswand unter dem 3987 Meter hohen Eigergipfel stellt bei gutem Wetter mit ihren Schwierigkeiten „um fünf“ keine extrem hohen Anforderungen an die elitären Alpinisten. Doch gutes Wetter ist in dieser Wand, in der die Sonne an Sommertagen nur zwei Stunden hineinscheint, nur Episode. Was die Eigernordwand verrufen und zugleich verlockend macht, sind ihre letztlich unberechenbaren Gefahren: Steinschlag, Lawinen, eisige Sturzbäche und Temperaturstürze, die in Halbstundenfrist die Felswand zur griff- und trittlosen Eisfläche erstarren lassen. Erst 1935 gab es den ersten Versuch, sie zu durchsteigen. Die beiden Männer, die es wagten, waren auch die ersten der mittlerweile mehr als dreißig Toten in der Eigernordwand. Und weil sie von Grindelwald und von der Kleinen Scheidegg her wie eine Arena alpinistischer Artistik vor den Ferngläsern der Touristen liegt, kommen Niederlagen wie Erfolge an der Eigernordwand greller als irgendwelche anderen alpinistischen Ereignisse in die Schlagzeilen.

In dieser Wand, in der das Bild des Bergsteigens besonders sensationell gemalt wurde, hat Dieter Meichsner die Wirklichkeit im Extremen gesucht. Offenbar hat er sie gefunden, hat sein Regisseur Dieter Wedel ihr den richtigen Ausdruck jenseits des üblichen Pathos der „Bergfilme“ geben, und hat Kameramann Kurt Weber, ein Pole übrigens, für eine Evidenz gesorgt, die allein schon Beleg genug für mancherlei Thesen ist. Fiktion und Realität lassen sich nicht mehr unterscheiden. Neben professionellen Schauspielern wirken die Laiendarsteller, die Schweizer Bergretter etwa, nicht minder professionell. Nichts ist Theater.

Alsdann aber ist es ein Stück, das sich sehr wohl durch die Nickelbrille der Philosophie betrachten läßt. Da scheitert, wer der Isolation und der Anonymität des Alltags entrinnen will; und da bewährt sich, was man, in Gestalt der Rettungsmaschinerie etwa, als System von „law and order“ diskriminieren oder auch als unabdingbar für das „normale“ Leben befinden mag. Ein Lehrstück ist’s, weniger für Bergsteiger vielleicht als für die Pyramidenkletterer allenthalben in der Gesellschaft.

Karl-Heinz Arndt