Besonders wertvoll sind Fellinis „Roma“ und Weidenmanns „Freudenhaus“, besonders wertvoll sind auch Charlie Chaplin, Ulrich Schamoni und „Jesus Christ Superstar“. Wertvoll sind Vohrers Simmel-Filme und so ziemlich alles, was aus dem Hause Disney kommt; ebenso. wertvoll wie „Die letzte Vorstellung“ von Peter Bogdanovich, Luis Buñuels „Die Milchstraße“, Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“.

Mit ungebrochenem Elan schlägt die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) auch im dreiundzwanzigsten Jahr ihrer Existenz munter zu, finanziert von den Bundesländern, unterstützt auch von der Ständigen Konferenz der Kultusminister.

Das Treiben der FBW, vor zehn Jahren noch allseits heftig kritisiert, inzwischen weithin mit resignativem Achselzucken hingenommen, hat einen handfesten ökonomischen Hintergrund. Weil in einigen wenigen Bundesländern (zum Beispiel Bayern) die Vergnügungssteuer für Filme noch immer nicht abgeschafft ist, bedeutet ein Prädikat der FBW („Besonders wertvoll“ oder „Wertvoll“) für die Verleiher bares Geld, nämlich eine erhebliche Reduzierung oder völligen Erlaß jener Steuer.

Die FBW, deren Ausschußmitglieder von den einzelnen Bundesländern delegiert werden und nicht unbedingt etwas mit Filmen zu schaffen haben müssen, läßt sich das Prädikatisierungsritual gut bezahlen. Eine deutsche Mark pro geprüftem Meter Spielfilm (im Durchschnitt zwischen 2500 und 3500 Mark pro Film) kostet der Spaß. Wer kein Prädikat bekommt, ist sein Geld trotzdem los.

Was „wertvoll“ ist, wird in Wiesbaden wahrscheinlich ausgewürfelt. Die Entscheidungen der FBW gehorchen keiner erkennbaren Logik, außer einer stillen Vorliebe für alles Wahre, Gute, Schöne. So gelangte auch Dino Risis Klerikal-Posse „Die Frau des Priesters“ mit der Loren in den Genuß des höchsten Prädikates: „Der ganze Film ist in jedem Sinne sehr italienisch, ob nun kleinbürgerliche Szenerie vorgeführt wird ... oder am Schluß die Weltbühne des Vatikans, in dessen Gängen und Sälen menschliche Schicksale sich nicht nur verlaufen, sondern auf andere Bedeutungen reduziert oder gehoben werden, je nachdem.“

Von ähnlich atemberaubender philosophischer Qualität sind auch die meisten anderen FBW-Begründungen. Warum ist zum Beispiel Alfred Weidenmanns deutscher Edel-Porno „Das Freudenhaus“ besonders wertvoll: „Selbstbetrug und Wahrheit vor dem Hintergrund einer verlogenen gesellschaftlichen Moral mischen sich. Niemand ist in Wirklichkeit so, wie er sich gibt, jeder spielt dem anderen etwas vor.“ Dies ist, wohlgemerkt, kein verspäteter Karnevalsscherz, sondern deutsche Filmpolitik in den siebziger Jahren, finanziert mit öffentlichen Geldern.

Der jüngste Fall Wiesbadener Narretei betrifft José Giovannis Film „Endstation Schafott“ (Deux Hommes dans la Ville), der gerade in unseren Kinos angelaufen ist. Die FBW hat Giovannis Film, einem aggressiven Plädoyer gegen die Todesstrafe in Frankreich und das französische Justizsystem insgesamt, jedes Prädikat verweigert. Drehbuch und Regie „lassen es an stilistischer Einheitlichkeit fehlen, beide sind oft in einzelne Szenen und Sequenzen zu sehr verliebt, so daß diese übergroßes Eigengewicht bekommen“.