Als ob die Wahrheit je dem Sozialismus geschadet hätte! Als ob nicht gerade die unbewältigte Vergangenheit Stalins, die nur zaghafte und unvollständige Entstalinisierung Chruschtschows einen Solschenizyn erzeugte

Der trotzkistische Wirtschaftswissenschaftler Ernest Mandel in der „Frankfurter Rundschau“ über den „Archipel GULAG“

Laden-Kultur

Wenn auch nur ein Teil des Programms wirklich funktioniert, das der Nürnberger Kulturdezernent Hermann Glaser Ende dieses Jahres in Gang setzen will, ist sein Versuch schon der Rede wert: Er will leerstehende Läden in allen Stadtbezirken für kulturelle Anregungen und Darbietungen vieler Art nutzen, und damit den „elitären Bannkreis“, den die Kultur umgibt, weiter aufbrechen. Auf seiner Liste stehen eine ganze Anzahl von Lebenshilfen wie Erziehungs-, Verbraucher-, Freizeit- und psychologische Beratungen, Pop-Konzerte für junge Leute und „Hausmusiken“ mit Rock ’n’ Roll und Klassik. Es soll Malschulen geben, Spielotheken, Wandzeitungen, Hinweise auf die kulturellen Angebote der Stadt, alles in verständlicher Sprache. Pädagogisch, psychologisch oder künstlerisch trainierte „Animatoren“ sollen nicht bloß animieren, sondern tatkräftig dabei helfen, Freizeit sinnvoller, also anregender zu nutzen. Nicht zuletzt will Glaser sich dabei um die Gastarbeiter kümmern. „Der Phantasie“, sagte er, „sind keine Grenzen gesetzt.“ Er deutete damit nicht nur seinen Wunsch an, solche Kulturläden verteilten sich so reichlich über die Stadt „wie Annahmestellen von Reinigungsfirmen“, sondern auch die Idee, einen in London praktizierten Theater-Usus zu probieren: Theater in der Mittagspause.

Irlands Buch der Bücher

Eines der frühesten illuminierten Bücher, das berühmte „Book of Keils“ wird in diesem Herbst vom englischen Verlag Thames and Hudson in einer Faksimile-Ausgabe herausgebracht. Der Band wird 126 Seiten Farbreproduktionen und 96 Seiten Text enthalten. Vom „Book of Keils“, im 8. Jahrhundert von irischen Mönchen in Iona geschrieben und illuminiert, kennen Besucher der Bibliothek des Trinity College in Dublin immer nur die eine Doppelseite, die durch die Glasvitrine hindurch zu sehen ist. Damit in Zukunft mehr Menschen alle Seiten betrachten können, muß die Kostbarkeit auf Flugreise gehen: Gedruckt wird das Buch bei Conzett und Huber in Zürich. Preis: um 170 Mark.

Wiener G’schichten