Von Joachim Nawrocki

Berlin, im März

Fast ein Jahr sind sie jetzt in West-Berlin, zuerst beargwöhnt und gemieden, inzwischen zwar nicht integriert, aber doch als Teil der West-Berliner Realitäten freundlich hingenommen: Generalkonsul Juri Scharkow und seine Männer. Russen in West-Berlin: Das war seit der Blockade so etwas wie ein Reizwort. Als die vier Mächte sich im September 1971 darauf einigten, in West-Berlin sowjetische Dienststellen einzurichten, fürchtete manch einer in dieser Stadt den Beginn der sowjetischen Unterwanderung und Einmischung.

Die Westmächte haben jedoch einige Sicherungen eingebaut. Die Personalstärke ist strikt begrenzt. Im Verhandlungsprotokoll zum Viermächteabkommen heißt es: "Die Zahl dieser Bediensteten wird nicht mehr als 20 sowjetische Staatsangehörige im Generalkonsulat, 20 in dem Büro der sowjetischen Außenhandelsvereinigungen, je einen in den Konsignationslagern, sechs in dem Intourist-Büro und fünf in dem Aeroflot-Büro betragen." Ihren Wohnsitz können die Sowjets "auf Grund von Einzelgenehmigungen" in den Westsektoren nehmen. Sie haben sich an die "geltenden alliierten und deutschen Rechtsvorschriften und Regelungen" zu halten. Außerdem darf die Tätigkeit des Generalkonsulats "keine politischen Funktionen sowie keine mit den Viermächte-Rechten und -Verantwortlichkeiten in Zusammenhang stehende Angelegenheiten umfassen".

Das schloß Ärger nicht aus. Der Streit um die Bundesfahne bei der sowjetischen Industrieausstellung und in der Vorhalle des Schöneberger Rathauses anläßlich des Antrittsbesuchs beim Regierenden Bürgermeister Schütz ist noch in Erinnerung. Aber Realisten wie Schütz und Scharkow wissen, daß dies zum politischen Geplänkel gehört, und nehmen nicht übel. Auch die Westmächte, bei denen das Generalkonsulat akkreditiert ist, mußten schon daran erinnern, daß politische Tätigkeiten, mithin auch öffentliche Reden zu politischen Fragen, in West-Berlin nicht zulässig seien. Aber daß die Sowjets die Grenzen ihrer Möglichkeiten abtasten und in ihrem Personal auch ein paar Geheimdienstleute haben würden, war von Anfang an klar.

So demonstrieren Moskaus Abgesandte jetzt Vertragstreue. Selbst die Frage nach einem Interview wird zunächst mit dem Hinweis beantwortet, daß politische Tätigkeit unerwünscht wäre. Erst die Erläuterung, es ginge nicht um Berlin-Politik, sondern um die Arbeit des Generalkonsuls und seiner Bediensteten, öffnet die Tür zu Juri Scharkows Dienstzimmer im Reichensteiner Weg in Dahlem. Dort steht ein Schreibtisch, der beneidenswert leer ist.

Dr. habil. Juri Scharkow ist ein mittelgroßer, durchtrainierter Mann, freundlich, ruhig und umgänglich. Alliierte Diplomaten meinen, daß sein zurückhaltender Charme womöglich die entscheidende Qualifikation für den heiklen Posten in West-Berlin war. Er ist jetzt 43 Jahre, Sohn einfacher Leute. Der Vater ist im Krieg gefallen, die Mutter lebt bei Omsk. Geboren wurde Scharkow im Altai-Gebiet, zur Schule ging er in der Nähe von Omsk. Mit besten Abiturnoten kam er 1948 nach Moskau und durchlief am Institut für Internationale Beziehungen die Diplomatenausbildung; erste Fremdsprache: deutsch. 1953 ging er zum sowjetischen Hochkommissar nach Österreich; von 1956 an war er an der Botschaft in Ost-Berlin, und seit 1960 bis zum Mai 1973 arbeitete Scharkow dann in der 3. Europäischen Abteilung des Moskauer Außenministeriums, die für die DDR, die Bundesrepublik, Berlin und Österreich zuständig ist.