"Raumschiff Erde" und "Konkrete Utopie"

Von Manfred Sack

Das Auge bleibt, ganz egal, wo man beim ersten neugierigen Blättern haltmacht, schnell haften: an Sätzen, die wie Saugnäpfe wirken. Das machen die Botschaften, die sie enthalten, das machen aber auch die niemals ermüdende, in Wiederholungen sich ergehende Eloquenz und eine niemals erlahmende, etwas alerte Metaphernseligkeit. Mitunter ist das zusammen so verführerisch, daß der Intellekt ganz schön strampeln muß, um wieder auf Distanz zu kommen. Die Verführungskraft beruht vor allem darauf, daß Naturwissenschaften und Mathematik wie ein Trampolin benutzt werden, auf denen der ebenso geniale wie triviale Denker und Architekt seine wissenschaftlichen und weltanschaulichen Turnübungen vollführt. Wer ein paar Trainingsstunden nehmen will, kann es nunmehr zu erschwinglichen Preisen tun – in zwei Büchern. Das eine ist – R. Buckminster Fuller: "Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde und andere Schriften", herausgegeben und aus dem Amerikanischen von Joachim Krausse unter Mitarbeit von Ursula Bahn; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1973; 240 S., viele Abb., 12,–DM.

Es ist handlich, wohlfeil, dabei appetitlich aufgemacht. Es enthält erstens einige der wichtigsten Schriften von Fuller, zweitens eine Menge Photographien, Zeichnungen, Skizzen vieler seiner gedachten oder produzierten Erfindungen und Entwürfe, die vom Herausgeber konzentriert und treffend kommentiert werden, drittens eine notwendige kritische Auseinandersetzung Krausses mit Fuller. Wissenschaftlicher Akkuratesse ist viertens ein pointierter biographischer Abriß und fünftens ein ausführliches Literaturverzeichnis zu danken. Zusammen ist das eine Menge Fuller für zwölf Mark – mehr, als das andere Buch zu bieten hat, obwohl es doppelt so dick ist – R. Buckminster Fuller: "Konkrete Utopie – Die Krise der Menschheit und ihre Chance zu überleben", aus dem Amerikanischen von Joachim Schulte; Econ Verlag, Düsseldorf/Wien, 1974; 416 S., Abb., 38,– DM.

Was es von dem anderen Buch, einer Art von Fuller-Kompendium, unterscheidet, ist, daß ihm kein kritischer Filter vorgesetzt ist, im Gegenteil: Es wird eingeleitet mit einer Hymne an Fuller, die auf "die Frische, Weite und philosophische Relevanz seiner Gedanken aufmerksam machen und ihnen ihren historischen Ort zuweisen" soll. Ihr als "Fuller-Spezialist" ausgewiesener Autor sagt denn auch, es gebe seines Erachtens "heutzutage keinen Schriftsteller, der wichtigere Dinge zu sagen hätte, keinen, dessen Gedanken unmittelbarer auf die erreichbaren Ziele eines freien Lebens im Überfluß gerichtet wären, und keinen, der sich mehr um die strukturelle Symbiose von Wissenschaft und Gesellschaft bemüht hätte". Daß sich die Inhalte der beiden Bücher, soweit sie Fuller zum Verfasser haben, so gleichen, liegt an der Lust des Amerikaners zu Wiederholungen; allerdings sind sie weniger pädagogischem Antrieb zuzuschreiben als einen enorm ausgeprägten Selbstbewußtsein und der bei Fanatikern wie Erfolgsmenschen oft zu bemerkenden Einbildung, Neues zu sagen und sich doch nur zu reproduzieren.

Da Menschen gemeinhin lieber nach etwas greifen als etwas denken, wurde Buckminster Fuller ganz besonders mit dieser einen Erfindung populär: mit seiner "geodätischen Kuppel einer vielfach variierten geometrischen Figur, einer Kuppel in Form einer halben oder ganzen Kugel, deren Besonderheit ihre Konstruktion und die daraus resultierende Form ist. Fuller hatte herausgefunden, daß das dafür verwendete, auf Tetraedern beruhende Netzwerk nicht nur statisch von außerordentlicher Stabilität ist, sondern wenig wiegt und mit wachsenden Dimensionen verhältnismäßig immer leichter wird als der Inhalt, den es überwölbt, als die Luft.

Da Fuller die menschliche Neigung zu begreifbaren, also greifbaren Dingen kennt, hat er vorzugsweise die Studenten aller Universitäten, an denen er vortrug, massenhaft derlei Gebilde basteln lassen; da er ein vorzüglicher Geschäftsmann ist, der mit seinen Patenten, Beratungen, Planungsideen Geld zu machen verstand, hat er solche domes auch gebaut, den bisher größten auf der Weltausstellung in Montreal für den amerikanischen Pavillon; da er indessen auch ein Faible für Globales hat, insofern für die gesamte Menschheit, hat er das geodätische Prinzip für utopische Projekte bemüht, zum Beispiel für die Überwölbung von Manhattan. Es gehört zu dem Typus von Denker, den er darstellt, daß er sich mit den Gebrechen, die die Realität derlei Plänen zuzufügen pflegt, nicht abgibt: Zwar will er New York eine Haube überstülpen, um der Stadt ein reines Klima zu geben, aber an den dort ja fortwährend selber produzierten Umweltschmutz aus Abgasen aller Art hat er dabei nicht gedacht.