Von Helmut Mader

Als 1970 Gabriele Wohmanns "Ernste Absicht" erschien, äußerten manche Kritiker die Vermutung, derartige Romane würden künftig häufiger auftauchen. Gabriele Wohmann hatte ein Stück Autobiographie, aufgezeichnet, allerdings verschlüsselt und verfremdet. 1972 erschien Peter Handkes Erzählung "Wunschloses Unglück". Indem sich Handke dem Schicksal seiner im Selbstmord geendeten Mutter zuwandte, griff auch er auf das eigene Leben zurück, einerseits unmittelbarer als Gabriele Wohmann, weil er nichts verschlüsselte und nichts verfremdete, sondern eine andere Person zur Bezugsfigur seines Erzählens machte. Eine Mittelposition zwischen diesen beiden Büchern nimmt der neue Roman von Hans Jürgen Fröhlich ein –

Hans J. Fröhlich: "Anhand meines Bruders" – Ein Doppelporträt; Carl Hanser Verlag, München, 1974; 278 S., 27,80 DM

– schon deshalb, weil er eine Verbindung von Selbst- und Fremdporträt herstellt.

An Hand seines Bruders versucht der 1932 in Hannover geborene Verfasser sich selbst darzustellen und an Hand seiner selbst und seines Entwicklungsganges seinen um drei Jahre jüngeren Bruder.

Fröhlich nennt sein Projekt "eine Art Autobiographie". Ausschlaggebend für sein Unternehmen, sagt der (mit dem Verfasser identische) Ich-Erzähler, seien drei Anlässe gewesen: Ein Wiener Psychologe, der über Familienkonstellationen arbeitet, habe ihn als typisches Einzelkind eingestuft, und das habe ihm zu denken gegeben. Hinzugekommen seien der plötzliche Tod des Vaters und ein Autounfall des Bruders mit fast tödlichem Ausgang.

"Vor dem Unfall hätte man unser Verhältnis gleichgültig, im Ganzen freundlich nennen können. Nach dem Unfall ein schwieriges, wenn auch problemloses. Je mehr ich über ihn nachdenke, desto weniger weiß ich von ihm. Nur das glaube ich heute zu erkennen: daß mein Verhältnis zu ihm bestimmt war von dem Verhältnis meines Vaters zu seinem jüngsten Sohn, wie umgekehrt sein Verhältnis zu mir bestimmt war von dem Verhältnis seines Vaters zu dessen ältestem Sohn. – Mein Bruder ist der Zweitgeborene, ich der Erstgeborene, das älteste Kind der Eltern, und drei Jahre hindurch bis zur Geburt des Bruders, ihr einziges. Mein Bruder war von Anfang an der Mutter ähnlich, ich von Anfang an dem Vater. Womöglich schon aus diesem Grunde, weil ich seine Augenform, seine Nase, seine schmalen Lippen geerbt habe, zog der Vater mich dem anderen Kind vor, das auf die Mutter herauskam. Mit meiner Geburt hat für ihn die Vaterschaft begonnen. Mit seiner Geburt wurde die Vaterschaft nur erweitert."