„Der Mythos vom Aggressionstrieb“, herausgegeben von Arno Plack, mit Beiträgen von August Kaiser, Hans Kummer, Jan-Dieter Murken, Eduard Naegeli, Fritz Paepcke, Arno Plack, Wolfgang Schmidbauer, Ulrich Sonnemann und Hans-Ulrich Wintsch. Endlich wieder ein neuer Plack, wenn auch kein ganzer. Doch hat der Herausgeber, neben einer gründlich die Problemlage erschließenden Einleitung und einem summierenden Schlußwort, selber zwei Sachbeiträge beigesteuert. Der allzu leichtfertig adoptierten, wissenschaftlich unsoliden und sozial gefährlichen Theorie eines dem Menschen angeborenen Aggressionstriebes rücken die neun Autoren, von unterschiedlichen Standorten aus und mit unterschiedlicher Methodik, kritisch zu Leibe. Primatenforschung, Etnologie und Genetik werden untersucht, die institutionalisierte Aggression des Strafrechtes und der mögliche Beitrag der Erziehungsreform zu einer aggressionsfreieren Mitmenschlichkeit kommen zur Sprache. Dem Herausgeber geht es nicht nur um die Widerlegung einer Theorie, sondern vielmehr um die Überwindung kultureller und gesellschaftlicher Zwänge, die Aggression züchten und Liebesfähigkeit zerstören. Auch wenn seine These, daß das Problem der menschlichen Aggressivität aus Triebunterdrückung entstehe, nicht von allen Artikeln unmittelbar gestützt wird, so lassen doch gerade auch die naturwissenschaftlichen Beiträge erkennen, daß die Forschungslage die Annahme eines angeborenen Aggressionstriebes nicht einmal als Arbeitshypothese zuläßt. Um so mehr kann sich der Verdacht aufdrängen, daß diese Annahme dazu dient (oder zumindest die Wirkung hat), von der Einsicht in die gesellschaftlichen Ursachen aggressiver Spannungen und vom Handeln für ihren Abbau zu dispensieren. (Paul List Verlag, München, 1973; 399 S., 26,– DM, Studienausgabe 18,– DM.) Hans Krieger

„Gäste in meiner Gondel“, von Brunella Gasperini. Die Briefkastentante, Lebenslehrerin einer berühmten Frauenzeitschrift, berichtet von ihrer anscheinend überaus schlauchenden Arbeit. Auch die Familie der Verfasserin wird hergezeigt: ein Ehemann, der herumwütet (wenn auch, wie seine Frau versichert, höchstwahrscheinlich treu); zwei schon erwachsene, sehr wohlgeratene Kinder und dazu unendlich viele Haustiere. Brunella Gasperini tröstet und berät von ihrer „Gondel“ aus, einem Turmzimmer in Mailand, vor allem Leidenschafts- und Eheopfer, jedenfalls an den beiden Tagen, die sie hier vor unseren Augen durchsteht. Stiefväter der Unterklasse überfallen die halbwüchsigen Stieftöchter und verprügeln deren Mütter. Eine Honoratiorenfrau aus der Provinz hat sich in ihren sicheren Tod geschickt, weil der fromme Gatte nicht auf einen Sohn verzichten wollte. Eine schöne und berühmte Bühnenkünstlerin bricht ab und an zusammen, weil sie, scheinbar eine musterhafte Frau und Mutter, irgendwelche „schmutzigen Tode“ hinter sich gebracht, das heißt wohl: sexuellen Neigungen entsprochen hat, die sie beschämen. Auch die Beraterin Brunella nimmt dergleichen Neigungen nicht leicht, vom Freisinn ihrer deutschen und vor allem norddeutschen Kolleginnen ist sie da meilenweit entfernt. Unsere Trost- und Ratspalten sind ja so gut wie lautlos revolutioniert worden. Die Italiener nennen wohl noch manches „Schmutz“, was man einander hier längst als aparten, individuellen Sex mit Feuereifer gönnt. (Aus dem Italienischen von Ruth Wright; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1974; 191 S., 20,– DM.) Christa Rotzoll

„Psychologie des Rauchens“, von Karl-Heinz Städter und Ulrich Bartmann. Die beiden Autoren, ein Raucher und ein Nichtraucher, referieren und kommentieren in knapper Form die oft widersprüchlichen Resultate von Untersuchungen, die sich mit den Bedingungen des Rauchens, warum Jugendliche zu rauchen anfangen und es als Erwachsene nicht mehr lassen können, beschäftigt haben. Die trotz der Menge statistischen Materials und häufiger Fachausdrücke gut zu lesende, oft sogar amüsante Arbeit macht deutlich, daß Rauchen ein höchst komplex bedingtes Laster ist, dem sich nicht einfach, wie die Kämpfer wider das Nikotin glauben, mit moralischen Appellen oder mit der Beschwörung des Krebsgespenstes beikommen läßt. Elterliche Erziehung, sozialer Status und daraus resultierende Persönlichkeitsmerkmale sind an der Entstehung des Nikotinverlangens ebenso beteiligt wie das „Vorbild“-Verhalten rauchender Prominenz, das identitätsunsichere Jugendliche zur Imitation verleitet. Daß in den unteren sozialen Klassen um zehn Prozent mehr als in den oberen geraucht wird, daß ungelernte Arbeiter häufiger zur Zigarette greifen als Facharbeiter, diese Daten verweisen unzweideutig auf die kompensatorische sozialpsychologische Funktion des Rauchens, das dem einzelnen helfen soll, Versagungen auszugleichen. (Quelle & Meyer Verlag, Heidelberg, 1974; 115 S., 6,80 DM.) Christian Schultz-Gerstein