Von Stephan Lohr

Hannover

Niki de Saint Phalles drei bunte Nanas am Leineufer in Hannover haben den Bürgersinn mehr erregt als jede andere Aktion und jedes andere Objekt des Experiments Straßenkunst in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Ein Komitee „Weg mit den Nanas“ präsentiert fast 20 000 Unterschriften; wer für die Nanas ist, kann das durch den Kauf eines Aufklebers mit der Inschrift „Freunde der Nanas“ dokumentieren. Die Nana-Freunde luden ihre Gegner zum Tauziehen ein und gewannen es, weil die Nana-Gegner sich an dieser „Form der Auseinandersetzung“ nicht beteiligen mochten.

Die streitprovozierenden Nanas sind die bisher letzten Objekte des Experiments Straßenkunst, das Oberstadtdirektor Marin Neuffer mit Gleichgesinnten, gestützt auf einen Stadtratsbeschluß, 1970 startete. Kunstfreund Neuffer, inzwischen NDR-Intendant in Hamburg, kommentierte den Beginn des Experiments seinerzeit erwartungsvoll: „Die Möglichkeit einer weitreichenden, großartigen Veränderung unserer Städte durch Kunst kündigt sich an.“ Die Motive der Künstler könnten sein, „die Städte so humaner zu machen“.

Doch daß die schönen Künste allein eine Stadt nicht human machen, wußte auch Neuffer. Er verschwieg, daß jenes großzügige Mäzenatentum der eigentlich armen Stadt in Wirklichkeit hartem wirtschaftlichen Kalkül entsprang. So wurde der Einsatz der namhaften Künstler (Antes, Calder, Moore, Snelson, de Saint Phalle u. a.), Hannover zu einer humaneren Stadt zu machen, nicht immer dankbar gelohnt: Ungünstige Stellplätze bringen die Plastiken um ihre Wirkung, mutwilliges Spielen oder Zerstörungen an den kinetischen Objekten hat diese außer Funktion gesetzt; und ein Stadtzentrum, dessen Erscheinungsbild von Baustellen und -zäunen bestimmt wird, kann nicht allein durch Kunst human werden.

Dabei regen sich mittlerweile Zweifel, ob die Arbeit hinter den Bauzäunen wirklich dem Ziel einer humanen und kommunikationsfähigen Stadt dient. Der Traum von der schönen Stadt gerät zum Alptraum. Im unmittelbaren Citybereich werden sich in den nächsten drei Jahren zu den Kaufhäusern Karstadt, Neckermann, Quelle und Kaufhof noch Horten und Hertie gesellen, Karstadt und Kaufhof haben umfangreiche Expansionsabsichten angekündigt. Der früher einmal kommunikative Mittelpunkt und traditionsreiche Treffpunkt der Stadt, das Kröpcke-Café, mußte einem Riesenprojekt weichen, dessen Zukunft ungesichert schien, weil die Finanzierung aus den Fugen geraten war. Um überhaupt Mieter für die Verkaufsflächen dieses Gebäudes zu finden, wird sich die Stadt deren Vorstellungen beugen müssen – so ist ein Kaufhauskonzern nur bereit, in das Kröpcke-Zentrum einzuziehen, wenn auch eine große Halle, die eigentlich zu einem Treffpunkt werden, sollte, ihm überlassen wird.

Das Engagement der Kaufhauskonzerne ist erstaunlich. Denn die Stadt kann ihre Einwohnerzahl nur durch Eingemeindung bisheriger Randkommunen stabil halten, und unter diesen Umständen verwundert viele Kritiker, daß auch Hannover der U-Bahn-Faszination erlegen ist: Nach elfjähriger Bauzeit soll ein erster Streckenabschnitt von nicht einmal 3000 Metern Länge fertiggestellt sein.

Zusammen mit Lokaljournalisten wollen einige Künstler aus Hannover sich nun der Straßenkunst annehmen und das Programm weiterer Anschaffungen demokratisieren. Die Aufmerksamkeit für die Kunstwerke lenkt freilich von der dringend notwendigen demokratischen Kontrolle der Stadtbaupolitik ab, die sich anschickt, hoch spekulierenden Banken und Versicherungskonzernen intakte Jugendstilvillen und rentabel zu renovierende Altbauten zu opfern...

Eingesperrt in ein Bauzaunquadrat hatte der Künstler Janos Nádasdy schon 1970 beim Altstadtfest zur Eröffnung des Experiments Straßenkunst sinnfällig auf die Funktion der Kunst in Hannover hingewiesen. Auf Flugblättern, die er aus einem Käfig verteilte, war zu lesen: „Kunst im Dienst Hannovers – Kunst wird hier verhunzt.“