Von François Bondy

Im Schauspiel „Ce formidable bordel“ („Dieser gigantische Schwindel“), zu dem Eugène Ionesco seinen Roman „Der Einzelgänger“ adaptiert hat, schweigt fast durchweg jener Ich-Erzähler, der im Roman unablässig redet, „sich ausdrückt, sich enthüllt, beichtet“, wie Ionesco im Pariser Theaterprogramm schreibt. Dort erfahren wir vom Autor auch, daß die anderen Personen „teils Projektionen der Gedanken des Erzählers sind, teils lebende Rätsel, wie ihm überhaupt die ganze Welt rätselhaft ist“.

Die Stärke dieses „personnage“ – im Stück „er“, genannt – ist eben, daß er nicht versteht, wo alle anderen zu verstehen gewiß und damit höchst zufrieden sind. Er allein erfährt – immer noch Ionescos Selbstdeutung – ein existentielles Unbehagen. Der Alkohol, dem er so fleißig zuspricht, vermag es nicht, ihn abzustumpfen, ihm bleibt das Staunen, und dadurch findet er ganz am Ende die Unmittelbarkeit des „ersten Blicks“ wieder, die zweite Naivität. Diese wiedererstehende Kindlichkeit ist die Ekstase des Gealterten im ersten Roman von

Eugène Ionesco: „Der Einzelgänger“, Roman, aus dem Französischen von Lore Kornell; Hanser Verlag, München, 1974; 163 S., 19,80 DM.

Der Erzähler macht – damit fängt es an – eine beträchtliche Erbschaft durch den unbekannten Onkel aus Amerika. Jetzt kann er die stumpfsinnige Büroarbeit aufgeben, damit auch alle Freunde, Freundinnen; später verläßt ihn – doch das war nicht seine Absicht – jene Kellnerin, die zum reichen Rentner gezogen war und mit ihm zu leben versucht hatte, aber durch seine Kontaktlosigkeit und Eigenheiten wieder abgestoßen wurde; denn zur Kommunikation mit anderen Menschen ist er nicht fähig, weil die anderen allesamt nicht sehen wollen, was er so intensiv sieht: die Durchsichtigkeit der Mauern, das Nichts hinter dem scheinbar sinnvollen Treiben, hinter den Bürgerkriegen, den Revolutionen, dem Alltag, der „Geschichte“.

Das alles passiert in seiner Absurdität als ewiges Karussell. Er aber ist abgedichtet, reiner Beobachter, Nicht-Mitmacher.. Was anderen als egozentrische Beziehungslosigkeit erscheinen muß, erlebt er zuletzt als die Erleuchtung, die Erfahrung des „Wirklichen“, in der Vision eines weißen, blühenden Baumes und einer silbernen Leiter im „freischwebenden Zimmer“. So ist er dem „Amédée“ und dem „Fußgänger der Luft“ verwandt, den beiden Ionesco-Gestalten, die in die Höhe schweben.

Zweideutiger war das Ende der Meistererzählung „Der Schlamm“, die mit Ionesco als Darsteller verfilmt wurde. Denn hier ist es ein Versinken, das zugleich als Blick auf das strahlende Blau des Himmels erscheint – also die in den Abgrund ziehende Schwerkraft und die emporhebende Schwerelosigkeit zugleich. Im Roman fehlten diese Zweideutigkeit und diese Ironie, obgleich angenommen werden kann, daß die Vision am Ende eines von Erinnerungen bedrängten verrinnenden Lebens der Moment des Todes ist.