Linke bekommen Angst, wenn sie als Persönlichkeit festgenagelt werden sollen. Was für ein Mann ist der neue Rektor, der Universität Bremen? Wie will er dieses verquere Stück Reform, das sich Bremer Modell nennt, über die nächsten Runden bringen? Solche Fragen werden mit einer Mischung aus Herablassung, Ironie und Bescheidenheit korrigiert. Nicht Männer machen Geschichte, sondern Teams, die sich ihren Sprecher suchen und von der Mehrheit im Wahlgremium legitimieren lassen.

Die Stelle, die Thomas von der Vring – erschöpft von der enormen Anstrengung, politische Strategien für Bremen zu entwickeln – zum 1. April geräumt hat, ist zwar vorschriftsmäßig ausgeschrieben worden. Aber wer das Angebot ernst nahm und sich bewarb, lief in Bremen außer Konkurrenz als Spinner.

Niemals ließen die, die seit der ersten Stunde hier gearbeitet haben, einen Fremden an ihr Modell. Für Experimente ist es ihnen zu jung und zu teuer. Sie reden davon, als sei es ein Symbol. Ob es der Erinnerung dient oder noch der Hoffnung, ist für Außenstehende schwer erkennbar. Die Verhältnisse an der Bremer Universität sind undurchsichtig. So wird das Hohelied von der Drittelparität allenthalben angestimmt, doch reelle Chancen, das Schicksal der Bremer Universität mitzubestimmen und mitzulenken, hat nur, wer sich hochschulpolitisch zum inneren Kreis der Universität durchgekämpft hat und dazugehört. Wer den Stallgeruch nicht an sich hat, kann in der Bremer Uni so wenig Karriere machen wie in der SPD. Der Vergleich hinkt auch deswegen nicht, weil der innere Kreis, der sich im letzten Jahre als stabilisierendes Element gegen den Aufruhr der Chaoten durchzusetzen begann, sich politisch aus linken Sozialdemokraten und Mitgliedern der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr zusammensetzt.

Also, wer ist denn nun der neue Rektor? Er hat krause rötliche Haare, in seiner Heimatstadt würde er als ‚,’ne Fuss" bezeichnet. Er ist 1935 in Köln geboren und kann hinter den Brillengläsern so überraschend strahlen wie Willy Millowitsch. Er spricht auch im kölschen Tonfall: Rheinische Heiterkeit ist wirklich etwas Neues am Bremer Modell, das sich sonst so norddeutsch und stur geriert. Schnaps gab es auch.

Doch keine Angst, sonst bleibt alles sauber. Hans-Josef Steinberg, so heißt er, kam mit der zweiten Berufungsrunde 1971 als Hochschullehrer nach Bremen. Von Hause aus ist er Germanist. In Köln war er zwei Jahre lang Assistent in der älteren Abteilung bei Meister-Eckehard-Forscher Quint. Er ging, als ihm die "Dysfunktionalität der Alt-Germanistik ausweglos" vorkam. Daß er jemals dort gewesen war, kann er heute kaum noch fassen. Sein Glück wollte es, daß er ein Forschungsstipendium bekam, das der hessische Ministerpräsident zum 100. Jahrestag der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gestiftet hatte; der Forschungsauftrag: Probleme der Marxismusrezeption in der deutschen sozialistischen Arbeiterbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Er erforschte die Quellen in den Archiven und promovierte 1966 in Köln zum Dr. phil. mit einer Dissertation über die Ideologie der Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg.

So wurde aus dem Germanisten ein Spezialist für die Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit dem Schwerpunkt der Arbeiterbewegung. Bis 1971 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung und erforschte im Auftrag der Stadt Essen den Widerstand im Ruhrgebiet, "mit dem Ziel, im Gegensatz zur bisherigen, auf 20. Juli und Kirchenkampf fixierten bundesrepublikanischen Widerstandsforschung den Widerstand der Arbeiterbewegung zu thematisieren".

Er begann noch Vorarbeiten zu einer Biographie Karl Kautskys, doch 1971 schlug Bremen ihn in seinen Bann, und seitdem liegt seine Forschung brach. In seinem Arbeitszimmer hat er seine Werke aufgestellt – gut sichtbar als Gruß und Beweis dafür, daß er der Wissenschaft etwas geliefert hat, bevor er sich der Hochschulpolitik und dem Bremer Modell verschrieb. Auf Zweifel an ihrem wissenschaftlichen Renommee reagieren "sozialistische" Professoren noch empfindsamer als "bürgerliche": In der Tiefe ihres Herzens argwöhnen sie, daß Wissenschaft nicht "sozialistisch" ist; eher unterstellen sie ihr, daß sie "bürgerlichen" Charakter trägt.