Seit sechzehn Jahren streiten sich die Wissenschaftler, ob das Einatmen von Haarspray die menschliche Lunge schädigen kann. Erste Berichte über sogenannte Thesaurismosen durch Einatmen von Haarspray, also der Speicherung von Spraysubstanzen in der Lunge mit nachfolgenden Schädigungen, erschienen 1958. In späteren wissenschaftlichen Untersuchungen wurde jedoch eine solche Wirkung von Haarspray wiederholt bestritten.

Zwei Mediziner der Yale-Universität in New Haven (Connecticut), Eugenija Zuskin und Arend Bouhuys, lassen diese Diskussion mit einem Beitrag im "New England Journal of Medicine" (21. März) jetzt wieder aufleben. Die Wissenschaftler besprühten – jeweils 20 Sekunden lang – das Haar von 20 gesunden Versuchspersonen. Vier verschiedene Sprays wurden verwendet: eines enthielt Polyvinylpyrrolidon, das zweite ein Kunstharz, das dritte keines von beiden (der eigentliche Inhalt war Firmengeheimnis), das vierte war ein Placebo-Spray aus Stickstoff und Wasser. Das Sprühen wurde in gewissen Zeitabständen wiederholt und danach, "die maximale Luftmenge beim normalen Ausatmen" gemessen.

Ergebnis: Alle drei Haarsprays verursachten eine signifikante Verringerung des Luftvolumens beim Ausatmen; bei Spray "A" nahm die Luftmenge um 22 Prozent ab, Spray "B" um 21, bei Spray "C" um 29 Prozent; durch den Placebo-Spray "D" ergab sich nur eine Verringerung um vier Prozent. Zuskin und Bouhuys berichten, daß die Spraywirkung im Durchschnitt zwei bis drei Minuten anhielt, ungefähr zehn Minuten noch "leicht" bemerkbar war und danach verschwand. Nach Meinung der Forscher verursachten die Sprays eine "akute, reversible Verengung der Luftwege in der Lunge". Da die genaue Zusammensetzung der Haarsprays von den Firmen nicht bekanntgegeben wird, mußten sich die Autoren diesbezüglich des Wirkungsmechanismus auf hypothetische Überlegungen beschränken. Ihrer Meinung nach bewirken die im Haarspray enthaltenen Wirkstoffe ein Freiwerden von Histaminen aus dem Lungengewebe, wodurch es zur Verengung der Luftwege kommen kann.

Bleibende Schäden durch Einatmen von Haarspray konnten Zuskin und Bouhuys natürlich nicht feststellen; dazu war ihre Studie nicht angelegt. Die Autoren weisen darauf hin, daß sie über eine mögliche chronische Wirkung nichts aussagen können. "Es ist jedoch besorgniserregend genug, daß, ein so weitverbreitetes Produkt eine so eindeutige Kurzzeitwirkung auf gesunde Menschen hat. Es ist möglich, daß wiederholtes Einatmen von Haarspray und anderen Aerosolprodukten die Ursache sind für manche Fälle von Asthma oder Bronchitis." Man muß fordern, so die beiden Wissenschaftler, daß alle Sprayartikel eingehenden toxikologischen Untersuchungen – die auch Inhalationstests enthalten –, unterworfen werden, bevor diese Produkte auf den Markt kommen. R. N.