Kartoffeln versalzen. Keine Kartoffeln morgen, lieber Reis. Heute abend Wiener Schnitzel.“ So hat es Häftling Nr. 7 auf die Kinderschreibtafel geschrieben, auf der er jeden Tag seinem Koch Anweisungen gibt. Dieser Verkehr mit seinen spanischen, türkischen oder jugoslawischen Köchen gehört zum täglichen Ritual des teuersten „Lebenslänglichen“ der Welt, des „Kriegsverbrechers“ Rudolf Heß. Seit dreiunddreißig Jahren lebt er hinter Gittern, seit acht Jahren als einziger Gefangener in dem leeren 600-Zellen-Gefängnis Spandau. 2800 Mark muß der Steuerzahler in der Bundesrepublik jeden Tag für Unterkunft, Betreuung und Vollpension jenes Mannes aufbringen, der einst Hitlers Stellvertreter gewesen ist. Jede der vier Siegermächte muß, wenn ihr Wachmonat an der Reihe ist, einen Offizier und 37 Wachsoldaten stellen, außerdem für das ganze Jahr einen Kommandant ten, einen Arzt, dazu zwanzig Aufseher, einen Koch, einen Geistlichen, 21 Kellnerinnen und Raumpflegerinnen. Am nächsten Freitag wird Rudolf Heß achtzig. Nach Auskunft seiner Ärzte kann er durchaus neunzig oder fünfundneunzig werden. Da die Russen keinerlei Anstalten machen, den ungezählten Gnadengesuchen aus dem In- und Ausland nachzugeben, und die Westmächte nicht vertragsbrüchig werden wollen, wird der Bundesfinanzminister gut beraten sein, noch ein paar weitere Millionen Mark bereitzuhalten.

Nun sei es doch wohl endlich an der Zeit, Heß zu befreien, meinte der Londoner Observer, denn „wer vermöchte sich vorzustellen, daß Heß noch jemals ein neues Kriegsverbrechen begehen würde“? Mittlerweile hat die Hilfsgemeinschaft „Freiheit für Rudolf Heß“ (ihr neuer Vorsitzender ist der ehemalige Bundesjustizminister Ewald Bucher) mehr als 200 000 Unterschriften gesammelt. Namen von internationalem Rang sind darunter: die Nobelpreisträger Hahn und Heisenberg, Otto von Habsburg, Bischof Lilje und Pastor Niemöller, Golo Mann und sogar Sir Hartley Shawcross, der britische Hauptankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß. Jetzt wird wieder landauf, landab für Heß die Trommel gerührt, aber die Resignation in den Petitionen ist nicht mehr zu überhören.

Fast wichtiger als die Frage, ob der alte Heß jemals wieder ein freier Mann sein. wird, ist inzwischen das Rätsel geworden, wie ein Mensch unter diesen Umständen über Jahrzehnte hinweg Isolation und Unfreiheit ertragen kann. Der ehemalige amerikanische Kommandant von Spandau, Oberst Eugene Bird*) hat beschrieben, wie ein Tag im Leben des Rudolf Heß aussieht: 6 Uhr 45 Morgengymnastik, 7 Uhr 15 Anziehen und Morgenlektüre, 7 Uhr 45 Frühstück (Kanne Kaffee, Brot, Butter, Marmelade, Haferbrei, gekochtes Ei, Milch, frisches Obst), 8 Uhr 30 Zellenreinigung und kleine Wäsche, 10 Uhr 30 Spaziergang im Garten zu 28 Runden (215 Schritt hin, 215 Schritt zurück), 11 Uhr 30 Leibesvisitation vor der Rückkehr in die Zelle, 11 Uhr 45 Mittagessen (zum Beispiel Krabbencocktail, Fruchtsaft, Kartoffelbrei, Broccoli, Frucht- und Eiscreme) in Aluminiumfolie, 13 Uhr 30 halbe Stunde Schlaf, 14 Uhr 30 Spaziergang im Garten, 17 Uhr Abendessen, 17 Uhr 45 Lektüre in der Bibliothekszelle, 22 Uhr Nachtruhe.

Zum Märtyrer stilisiert

Die Hauptgerichte werden mit dem Löffel gegessen; unter Aufsicht darf Heß morgens ein Messer benützen. An Samstagen gibt es Vergünstigungen: Vollbad, neue Bettwäsche, Konzertstunde (Band oder Platten), Briefausgabe. Freude bereitet ihm die Fütterung von Enten, Tauben, Möwen und Singvögeln; Ärger bereiten ihm die Russen, wenn sie ihm die Kirschen und Pflaumen von den Bäumen, die Himbeeren von den Büschen klauen. An dem Garten, den Albert Speer während seiner Haftzeit angelegt hat, fand Heß erst in den letzten Jahren Gefallen. Eigentlich hält er Gartenarbeit für unehrenhaft. Als ihn ein britischer General in den ersten Spandauer Jahren aufforderte, doch wenigstens mal einen Gartenschlauch in die Hand zu nehmen, meinte er: „Das ist die Aufgabe der Wasserabteilung in diesem Haus. Sie haben ja zwei Admirale hier – Dönitz und Raeder –, sollen die das machen.“

Heß hält sich fit durch Knie- und Rumpfbeugen. Er raucht nicht, meidet Alkohol und achtet auf schlanke Linie – er wiegt etwa 64 Kilo. Nach einer lebensgefährlichen Darmoperation konnte er 1969 durchsetzen, daß ihm statt der alten Zelle die ehemalige Gefängniskapelle eingeräumt wurde. Sie hat Zentralheizung, Warmwasserboiler, zwei Neonröhren und zwei Fenster. Auch durfte er sein verstellbares Krankenhausbett behalten. Heß verfügt über eine Bibliothek von mehr als tausend Bänden und kann sich außerdem im Leihverkehr Bücher bestellen. Wären die Russen nicht so streng, hätte Heß längst auch Fernsehen, Radio und Uhr in seinem Raum. Immerhin liest er täglich vier Zeitungen vom ersten bis zum letzten Wort: Welt, FAZ, Tagesspiegel und Neues Deutschland.