Von Günter Wollstein

Während eines Kolloquiums zwischen polnischen und deutschen Wissenschaftlern im Mai 1971 in Bonn entstand der Plan, gemeinsam eine Dokumentation zu veröffentlichen, damit einerseits "die Ansichten der Polen über die deutsche Frage und über die Bundesrepublik", andererseits "die in der Bundesrepublik vertretenen Ansichten über Polen, über die Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik" bekannt würden (Tomala). Mit-diesem Gemeinschaftsprojekt sollte der Sinn des 1970 unterzeichneten Warschauer Vertrages erfüllt werden, nämlich das traditionell stark belastete Verhältnis zwischen Deutschland und Polen zu normalisieren:

Hans-Adolf Jacobsen und Mieczyslaw Tomala (Hrsg): "Wie Polen und Deutsche einander sehen. Beiträge aus beiden Ländern"; Droste Verlag, Düsseldorf 1973; 363 S., 38,– DM.

Diese Anthologie enthält Beiträge von Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten – es konnten also recht umfassend Probleme dargestellt werden, über die endlich sachlich diskutiert werden muß. Einmalig und nachahmenswert ist die Form des Dialogs mit Vertretern des polnischen Nachbarvolkes.

Schon die Zusammenstellung der Autoren ist ein nicht übersehbares Politikum: Wenn die Außenminister Olszowski und Scheel, die Professoren Gerard Labuda (Polnische Akademie der Wissenschaften) und Hans Roos (Bochum), der Journalist Wieslaw Górnicki, der Leiter der Hauptkommission zur Verfolgung der Naziverbrechen in Polen, Professor Czeslaw Pilichowski, der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Professor Ludwig Kaiser, und der Politiker Herbert Hupka in einem Sammelband schreiben können, so kann der Prozeß der Normalisierung nicht mehr in den Anfängen stecken, vielmehr hat der Dialog das Stadium des wechselseitigen Abtastens und des Ausklammerns bestimmter Persönlichkeiten und Gruppen hinter sich gelassen. Freilich meinen die meisten Autoren, es müsse bis zur endgültigen Aussöhnung noch viel Wasser die Weichsel und den Rhein hinunter fließen. Auch fehlen noch Beiträge von der in der Ostpolitik federführenden Gruppe im Kanzleramt und von der katholischen Kirche Polens.

Die Hoffnungen auf ein – wenn auch in bescheidenem Rahmen – verbessertes Europa klingt in vielen Beiträgen an, wobei die polnischen Äußerungen stets etwas prononcierter sind als die deutschen.

Eine historisch-politische Skizze mit wichtigen Denkanstößen stammt vom Chefredakteur der Zycie Warszawy, Ryszard Wojna. Überzeugend hat er den Umschwung in der Politik der Bundesrepublik des Jahres 1969 dargestellt – seiner Meinung nach beruhte er nicht zuletzt auf der Erfahrung des "tschechischen Dramas" von 1968. Grundlegend sind seine Beobachtungen zur Selbsteinschätzung des deutschen Volkes und seiner Führung im Laufe der Geschichte, beachtenswert schließlich die Tatsache, daß und wie er das "wirkliche deutsche Problem" kennzeichnet: "Es (sei) auf friedlichem Wege so zu lösen, daß auf der einen Seite der schöpferische deutsche Geist seinen Möglichkeiten freien Lauf lassen kann und es auf der anderen Seite nicht zu qualitativen Veränderungen im bestehenden Gleichgewicht Europas (komme)."