DIE ZEIT

Grobes Geschütz

Ostberlin, so scheint es, schießt sich auf Egon Bahr ein. Vorige Woche feuerte das Neue Deutschland eine erste Breitseite gegen den Baumeister der Bonner Ostpolitik ab, zunächst noch mit einer Moskauer Kommentar-Kartätsche gegen "offensive Ambitionen".

Nicht ohne Moskau

Hat sich Henry Kissinger zuviel zugetraut? Was dem Friedens-Makler noch im Januar am Suezkanal so trefflich gelang, will ihm an der Golanfront nicht so leicht von der Hand gehen: auch hier zwischen den Kontrahenten eine Truppentrennung als erste Disengagement-Phase auszuhandeln.

Taubstumme?

Die Landeskonferenz der nordrhein-westfälischen Jungsozialisten an diesem Wochenende wird ein Test dafür sein, ob die SPD im ganzen zu der Solidarität und Geschlossenheit zurückfindet, die Willy Brandt ihr in seiner Zehn-Punkte-Erklärung abverlangt hat.

Das Tribunal der Zornigen

Der Plenarsaal im New Yorker UN-Gebäude am East River gleicht in diesen Tagen dem Deutschen Bundestag an einem Freitag. Obwohl es um eine Kernfrage unserer Zeit geht, sind die Bänke nur noch zur Hälfte gefüllt.

Makabrer Erfolg

Zu Ostern 1974 starben 128 Menschen aufbundesdeutschen Straßen; 1973 waren es 129. Ein Erfolg? Die CDU/CSU sieht sich schon von dem Vorwurf gereinigt, sie habe durch ihr Veto im Bundesrat gegen einen Großversuch mit der Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern auf den Autobahnen dem Verkehrstod Hilfestellung geleistet.

Der Häftling Nummer sieben

Kartoffeln versalzen. Keine Kartoffeln morgen, lieber Reis. Heute abend Wiener Schnitzel." So hat es Häftling Nr. 7 auf die Kinderschreibtafel geschrieben, auf der er jeden Tag seinem Koch Anweisungen gibt.

Zeitspiegel

Mit einem kurzen, konkreten und realistischen Programm für die zweite Hälfte der Legislaturperiode will Bundeskanzler Brandt jeder neuen Wählerenttäuschung vorbeugen.

Schon wieder mehr Geld für die Abgeordneten? Mit gewohnter Entrüstung verfolgt die Öffentlichkeit die Versuche des Bundestags, die Besoldung der Abgeordneten neu zu ordnen. Ende des Monats wird die Diätenkommission über die verschiedenen Pläne beraten. Aber ist die Empörung gerechtfertigt?: Was sind die Abgeordneten uns wert?

Wann Immer der Deutsche Bundestag in eigener Sache tätig wird, ist ihm kritische öffentliche Anteilnahme sicher. Meist äußert sie sich in Entrüstung, denn die Anlasse solcher Tätigkeit mißfallen.

Sterben ohne Testament

Die Gedenkredner in Frankreich waren sich einig: Die Haltung Georges Pompidous in den Monaten vor seinem Tode war mutig, seine Beherrschung übermenschlich, sein Beispiel selbstlos.

Flickschusterei für Europa

In der Europa-Debatte des Bundestages zitierte Walter Scheel Ende März ein Wort Walther Rathenaus: "Optimismus des Urteils hat uns niemals genutzt; Pessimismus der Stimmung wäre das Verderblichste, das uns begegnen könnte.

Scherbengericht in Israel

Dieses Mal ging der Engel nicht am Hause Israels vorüber; dieses Mal blieb er stehen: Israel ist in Not. Es war die Woche vom 6.

Vielleicht werden wir doch einig

außer dem Ihren habe ich noch eine Menge Briefe bekommen. Manche stimmen mir so heftig zu, daß ich mich schäme. Manche sind so böse, daß Sie sich vor den Bundesgenossen erschrecken würden.

Wolf gang Ebert: Black is beautiful

"Der Pessismus, liebe Freunde, erlebt gegenwärtig eine Konjunktur, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Der Bedarf an niederschmetternden Nachrichten und Prognosen ist ständig im Wachsen.

Niger: Hamanis Sturz

Mit dem 25. Staatsstreich in Afrika seit 1963 etablierte sich am Wochenanfang das 15. schwarzafrikanische Militärregime. In der Republik Niger setzte Oberstleutnant Seyni Kountie, 43 Jahre alt, den sei 1958 amtierenden Staatspräsidenten Hamani Diori (58) ab, suspendierte die Verfassung, löste das Parlament auf und verbot alle politischen Vereinigungen.

Keine Prozesse in Bengalen

Die größte Schwierigkeit, die einer Versöhnung auf dem indischen Subkontinent bisher im Wege stand, ist beseitigt. Die Regierung von Bangla Desh verzichtet nach langem Widerstreben auf eine Aburteilung der 195 Pakistani in indischer Gefangenschaft, denen sie Kriegsverbrechen vorwirft.

Der Triester Grenzschilderstreit

Triest bleibt der empfindlichste Punkt in den sonst guten Beziehungen der Nachbarstaaten Italien und Jugoslawien, die vor allem wirtschaftlich voneinander profitieren.

Aktuelle Krisenherde

Die südvietnamesische Regierung hat die Pariser Gespräche mit den Vietcong, die eine Friedenslösung vorbereiten sollen, nach 13 Monaten abgebrochen.

Ende der Ära Golda Meir

Schwere Kämpfe auf den Golanhöhen, der arabische Terrorüberfall auf eine nordgaliläische Stadt und Israels Gegenschlag im Libanon – diese Ereignisse haben in den Tagen vor und über Ostern die tiefgreifende politische Krise in Israel und das Ende der Regierungszeit Golda Meirs etwas aus dem Blickfeld verdrängt.

Hamburg: Senat komplett

Neun Sozialdemokraten (bisher elf) und drei Freie Demokraten (bisher zwei) bilden den neuen Hamburger Senat. Die zwölfköpfige Regierungsmannschaft setzt die sozialliberale Koalition mit gesteigertem Einfluß der FDP fort.

Hilfe für die Ärmsten?

Die Notwendigkeit besonderer Hilfe für die ärmsten Entwicklungsländer wird zunehmend in beiden großen Lagern der Weltwirtschaft erkannt: den Industriestaaten und den wohlhabenderen Rohstoffproduzenten der Dritten Welt.

Die weltpolitischen Riesenzwerge

Bei Tag züngeln die Flammen nur blaß, kaum zu erkennen in der grellen Sandwüste, die sich von Beirut bis Bagdad, von Aleppo bis Abu Dhabi erstreckt.

Moskau zögert noch mit dem roten Weltkonzil: Enttäuschendes Echo

Schon vor einiger Zeit hatte der Kreml für die nachösterliche Woche das große Aufgebot nach Warschau bestellt. Doch der genaue Termin und die Tagesordnung für das Treffen des politischen Konsultativausschusses im Warschauer Pakt blieben bis zuletzt geheim.

Schleswig-Holstein nach der Wahl: Angeln nach einem Kandidaten

Schleswig-Holsteins sozialdemokratischer Oppositionschef Klaus Matthiesen hat – bisher – noch nicht angebissen. Der passionierte Angler ließ auf die Frage nach seiner politischen Zukunft aus seinem Heimatort bei Flensburg wissen, daß er natürlich über die plötzlich wieder akut gewordene Spitzenkandidatur nachdenke, aber noch zu keinem Ergebnis gekommen sei.

Till Eulenspiegels Nachfolger

Mit der Stadtparlamentswahl am 24. März, so hofften die Bürger von Bad Sooden-Allendorf, würde der monatelange erbitterte Parteienstreit endlich beendet sein.

Millionen am Feierabend

Was städtische Beamte nebenher alles tun dürfen, darüber hat der 45jährige Leiter des Freiburger Hochbauamtes Immo Kirsch seine eigenen Auffassungen.

Kleinkrieg im Bus

In Langenau, einer schwäbischen Kleinstadt im Osten Baden-Württembergs, stehen couragierte Elternvertreter Gewehr bei Fuß. Sie protestieren bei der Regierung in Stuttgart gegen die unzureichende Schülerbeförderung, die besonders im ländlichen Bereich grundlegend verbessert werden müsse.

Mao, ein Verräter?

Die trotzkistische IV. Internationale kritisiert die Außenpolitik der "Neo-Revisionisten"

Kalter Krieg

Von einem "Kalten Krieg" im deutsch-englischen Verhältnis vor 1914 sprach erstmals Ludwig Dehio in seiner 1955 erschienenen Studie "Deutschland und die Weltpolitik im 20.

Erste Schritte auf langem Wege

Während eines Kolloquiums zwischen polnischen und deutschen Wissenschaftlern im Mai 1971 in Bonn entstand der Plan, gemeinsam eine Dokumentation zu veröffentlichen, damit einerseits "die Ansichten der Polen über die deutsche Frage und über die Bundesrepublik", andererseits "die in der Bundesrepublik vertretenen Ansichten über Polen, über die Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik" bekannt würden (Tomala).

Studentenleben, sowjetisch

WOSLENSKIJ: Mein Gesamteindruck ist durchaus positiv. Den Studenten der Universität Münster werden günstige Möglichkeiten geboten.

Von Kino und Fernsehen überholt?: Nur noch Leerlauf

Das Problem Kurzfilm beginnt mit der Definition, und selbst die simpelste Lösung dieses Problems ist umstritten: Ein Kurzfilm ist ein kurzer Film? Bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen, dem größten und bekanntesten Festival der Welt für diese Gattung, waren im vergangenen Jahr Filme bis zu einer Länge von 60 Minuten zugelassen, in diesem Jahr liegt die Grenze bei 45.

Zeitmosaik

Wie kann sich ein Literat nur erfrechen, statt über Kultur zu reden und wie gewünscht der Sowjetunion den Solschenizyn anzukreiden, einfach mir nichts dir nichts den Spieß umzudrehen und freiweg über unmenschliche Zustände im eigenen Land zu sprechen.

Die neue Schallplatte

"Les Sites auriculaires", Landschaften zum Hören nennt sich eine Sammlung von eigenhändigen Transkriptionen Ravels – Orchesterstücke wurden umgeschrieben für vier Pianistenhände.

Studentenleben, bundesrepublikanisch

Dieser Tage verschickte der Institutsrat des Literaturwissenschaftlichen Seminars der Universität Hamburg ein hektographiertes Rundschreiben, in dem er sich gegen verschiedene im Hochschulrahmengesetz vorgesehene Bestimmungen zur Wehr setzt.

Filmtips

"Harold and Maude" von Hal Ashby. Harold ist zwanzig und schrecklich reich, liebt Leichenwagen und Beerdigungen und versucht mit schaurigen Selbstmord-Imitationen, die versagte Liebe seiner Mutter zu gewinnen und sich ihrer Computer-Bräute zu erwehren.

Mauerblümchen der Medien

Im jährlich erscheinenden "Sprechplatten Katalog" der Bielefelder Verlagsanstalt, dem Nachschlagewerk für die im Fachhandel erhältlichen Schallplatten mit gesprochenem Wort, ist auch eine Rubrik "Jugendliteratur" enthalten.

Kunstkalender

Ein Photorealist der zweiten Welle, der über die Frage nach objektiver, nach quasidokumentarischer Wirklichkeitsvermittlung längst hinaus ist.

Das große Verdrängen

Denn wer den Herren die Hand gibt, dem wird sie verdorren": Solche klassenkämpferische Erkenntnis als zugleich faustisch auszugeben, rührt an die Schändung eines Nationalheiligtums.

Wiegenlied nach Wimpeln

In Ras Schamra (Syrien), dem alten Ugarit, hatten französische Archäologen vor mehr als zwanzig Jahren Keilschrifttafeln gefunden, etwas an sich nicht Ungewöhnliches.

In Demut

Seine erste Lehrerprüfung bestand er, indem er in achtzehn Fächern die Note "sehr gut" erwarb; die Prüfungskommission des Wiener Konservatoriums gestand, eigentlich habe er die Kommission prüfen müssen; in London kamen sie zu Zehntausenden, um ihn auf der Orgel improvisieren zu hören.

Judas wird Landgerichtsrat

Die scheinbar absurden Fragen erweisen sich als sehr real, wenn man bedenkt, daß es bis an die Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts kaum ein Kinder-Jugendlichen-Schüler-Porträt gibt, das wirklich das Porträt eines Kindes oder Schülers oder Jugendlichen ist.

Neue Bücher von Gabriele Wohmann und Hans Frick: Protokolle einer Entziehung

Ganz anderer Meinung zu sein, ist auch für den Betroffenen manchmal verblüffend und kein reiner Lustgewinn. Hat einer zum Beispiel ewig die ärgerlichen, provozierenden und besessenen Prosaunternehmen der Gabriele Wohmann gelobt und verteidigt und meldet er nun Widerspruch an, wenn gerade ihr schickstes Produkt von der Kritik wohlwollend akzeptiert worden ist, so gerät sein Renegatentum ihm selbst in den Verdacht der Trotzreaktion.

Kritik in Kürze

"Das Etikett ,Geisteskrankheit‘", von Thomas Scheff. Von allen Kritikern der Psychiatrie, die die Vorstellung’ einer im Individuum zu lokalisierenden Pathologie verwerfen und psychiatrische Symptome als das Ergebnis sozialer Interaktionen zu interpretieren versuchen, vertritt Scheff, Professor für Soziologie an der University of California, den konsequentesten Soziologismus: Die chronische psychische Krankheit wird als soziale Rolle verstanden, deren Übernahme primär durch Reaktionen der Umwelt erzwungen wird, und damit als Spezialfall einer kybernetischen Theorie sozialer Abweichung eingeordnet; die etikettierende Sanktion, mit der die Gesellschaft Regelverletzungen ahndet, führt zur Verstärkung abweichenden Verhaltens und schließlich zur Fixierung auf ein durch Tradition festgelegtes Rollenstereotyp.

Miró - nicht magisch

Wer es nicht weiß, würde kaum darauf kommen, daß Miró diesen "Bauernhof" gemalt hat. Der frühe Miró ist eine noch weithin unbekannte Größe.

+ Weitere Artikel anzeigen