Statt innerer Reformen wählte Deutschland die Aufrüstung zur See

Von Friedrich Forstmeier

Volker R. Berghahn: "Rüstung und Machtpolitik. Zur Anatomie des "Kalten Krieges vor 1914"; in: "Mannheimer Schriften zur Politik und Zeitgeschichte", Droste Verlag, Düsseldorf 1973; 94 S., 14,– DM

Von einem "Kalten Krieg" im deutsch-englischen Verhältnis vor 1914 sprach erstmals Ludwig Dehio in seiner 1955 erschienenen Studie "Deutschland und die Weltpolitik im 20. Jahrhundert". Berghahn, der die bisher gründlichste Untersuchung des damaligen Wettrüstens zur See vorgelegt hat (Der Tirpitzplan, Genesis und Verfall einer innenpolitischen Krisenstrategie unter Wilhelm II., Düsseldorf 1971), entwirft nun eine "Anatomie" dieses Kalten Krieges. Angeregt durch die Arbeiten des Politologen Senghaas geht er sein Thema mit dem Instrumentarium der Friedens- und Konfliktforschung an – ein für den Historiker nicht unproblematischer methodischer Ansatz.

Berghahn nimmt zunächst die These seines Tirpitzbuches wieder auf: Hauptmotiv der Wilhelminischen Rüstungspolitik ist für ihn innere Machtpolitik – das Streben der herrschenden Schichten nach Stabilisierung ihrer Macht. Die Krise des Systems in den 90er Jahren zwang zur Suche nach Mitteln einer neuen Stabilitätspolitik. Statt innere Reformen in Gang zu bringen, wählte die Reichsleitung den Weg vermehrter Rüstung. Die Armee war bereits die stärkste Europas, so blieb die Aufrüstung der Flotte. Eine hervorragende Propaganda sollte den Flottenbau zugleich als Mittel nationaler Integration wirken lassen. Fazit dieses Abschnitts: Die deutsche Rüstung zur See war nicht Reaktion auf Rüstungen eines anderen Staates, sie war primär innenpolitisch motiviert.

Die Gedanken seines Buches weiterführend, fügt Berghahn diesem Bild das Motiv äußerer Machtpolitik als Mittel der Herrschaftsstabilisierung hinzu. Er sieht in der Politik der forcierten Seerüstung, im "Mahanismus", eine Variante des allgemeinen Sozialdarwinimus einer Epoche, in der keine supranationale Instanz vorhanden war, die nationalstaatlichen Expansionsgelüsten entgegentreten konnte. Die Inkongruenz zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht im internationalen Mächtesystem war für das wirtschaftlich erstarkte Deutschland schwer zu ertragen. Angesichts der dynamischen industriellen Entwicklung glaubten die herrschenden Kreise keine andere Wahl zu haben als den Durchbruch zur Weltmacht. So wurde der Flottenbau Kernstück des Kalten Krieges gegen England.

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