Die größte Schwierigkeit, die einer Versöhnung auf dem indischen Subkontinent bisher im Wege stand, ist beseitigt. Die Regierung von Bangla Desh verzichtet nach langem Widerstreben auf eine Aburteilung der 195 Pakistani in indischer Gefangenschaft, denen sie Kriegsverbrechen vorwirft. Diese 195 können nun repatriiert werden, zusammenmit 6500 Kriegsgefangenen, die von den ursprünglich 90 000 noch in indischen Lagern festgehalten werden.

Nach tagelangen harten Verhandlungen feierten die drei Außenminister von Indien, Pakistan und Bangla Desh am Mittwoch voriger Woche in Neu Delhivor der Presse in brüderlicher Eintracht das Konferenzergebnis als "Beginn der Versöhnung" – knapp zweieinhalb Jahre nach dem Krieg, der mit dem Abfall Bangla Deshs von Pakistan und dem Sieg Indiens über den islamischen Rivalen geendet hatte.

Den entscheidenden Durchbruch hatte schon die Islam-Konferenz von Lahore im Februar erreicht, als der pakistanische Präsident Bhutto seinen früheren Feind Scheich Mujibur Rahman, den Ministerpräsidenten der Bengalen-Republik, an den Konferenztisch brachte und die abgefallene Ostprovinz als Staat anerkannt te. Aber erst jetzt sind die Grundlagen künftiger Zusammenarbeit gelegt.

Für Bangla Deshs Außenminister Kamal Hussain war das offizielle pakistanische Bedauern über Kriegsverbrechen in der früheren Ostprovinz (nach Angaben Scheich Mujibs hatte sein Land 1971 drei Millionen Tote zu verzeichnen) noch kein hinreichender Grund, auf Prozesse zu verzichten. Als Druckmittel wirkten vielmehr die hunderttausende Biharis, die nichtbengalische und unerwünschte Minderheit in Bangla Desh. Sie alle optieren für eine Umsiedlung nach Pakistan, dessen Verbündete sie im Kriege waren; doch der Beschützer von gestern zögert heute, die Biharis – in Bangla Desh Menschen zweiter Klasse – aufzunehmen. Um dies doch zu erreichen, mußte Bangla Desh Zugeständnisse machen.

Am Konferenztisch zeigte auch Pakistans Außenminister Aziz Ahmed Entgegenkommen. Alle Biharis, die früher Angestellte der Zentralregierung waren oder Angehörige in Westpakistan haben oder vor dem Krieg dort gelebt haben, werden aufgenommen. Ahmed schätzte ihre Zahl auf etwa 90 000. Dazu sollen 25 000 "Härtefälle" kommen.

Gemessen an den 538 000, die für eine Umsiedlung votiert haben, ist es freilich eine bescheidene Zahl. Doch längst nicht alle, die den übervölkerten Bengalen-Staat (75 Millionen Einwohner auf der doppelten Fläche Bayerns) verlassen wollen, sind Biharis.

Der indische Gastgeber, Außenminister Singh, beim Feilschen um Kriegsverbrecher und Biharis nur Vermittler, einigte sich seinerseits mit seinem pakistanischen Kollegen auf Wiederherstellung der Handelsbeziehungen und Verkehrsverbindungen sowie auf den Austausch von Zivilinternierten. Zuversichtlich äußerte Singh am Schluß der Konferenz: "Die Spannungen und Konflikte unseres Subkontinents gehören der Vergangenheit an."