Wer es nicht weiß, würde kaum darauf kommen, daß Miró diesen "Bauernhof" gemalt hat. Der frühe Miró ist eine noch weithin unbekannte Größe. Das Bild ist 1921/22 in Paris entstanden, eine Erinnerung an Katalanien, an den Hof in Montroig, der seiner Familie gehört, wo Miró viele Sommer verbracht hat. Ein paar Jahre später hat Hemingway das Bild seinem Freund Miró abgekauft: "In ihm stecken alle Gefühle; die man für Spanien hegt, wenn man dort lebt, und auch alle jene, die man hat, wenn man auswärts weilt und nicht dorthin zurück kann. Kein andrer Maler hat es fertiggebracht, diese zwei widersprüchlichen Empfindungen auf eine Leinwand zu bannen", schrieb Hemingway, der sich so gut wie nie zu Bildern und zur bildenden Kunst geäußert hat. Ein Bild zwischen Hyper-Realismus und Proto-Surrealismus: So interpretiert es M. Rowell in seiner Miro-Monographie (Edition Praeger, München, 1973; 184 Bildtafeln, 88,– DM). Zum Glück ist der Autor sich klar darüber, daß solche kunsthistorischen Kategorien für Miró und für ein Bild wie den "Bauernhof" nicht ausreichen. Er sieht das Bild als eine Abfolge von erzählerischen Impulsen, bei der Realität und poetische Freiheit sich zu friedlicher Koexistenz zusammenfinden. Mauern öffnen sich, um den Blick ins Innere der Scheune freizugeben. Der riesige Eukalyptusbaum ist Erinnerungsemblem für den in Paris Weilenden, und er hält die vielen kleinen Geschichten zusammen, die sich unter seinen Ästen abspielen. Auch dem Spätwerk gegenüber verfährt Rowell nach der Methode sachlicher Bildbeschreibung und prägnanter Inhaltsanalyse, und das ist angesichts der üblichen Miró-Schwärmerei, die den Maler als den Erneuerer magischer Kulte, als Verkünder des Unaussprechlichen, als Mystagogen feiert, eine sympathische Haltung, die zu neuen und kontrollierbaren Einsichten führt. Im Bildteil werden auch die plastischen und keramischen Arbeiten in gut gewählten Beispielen präsentiert, nur die Graphik ist nicht berücksichtigt.

Gottfried Sello